01.11.2011, 08:50 Uhr

Schwuler Theologe: „Der nächste Papst wird noch härter"

Foto: Jo Goede PhotographyFoto: Jo Goede Photography

Am Freitag, 4. November, wird der Bestseller-Autor David Berger auf Einladung des Aktionskreises Regensburg, der KirchenVolksBewegung Initiative Wir sind Kirche Regensburg e.V. und der Laienverantwortung Regensburg e.V. zu Gast sein und über seine Erfahrungen vor und nach dem Erscheinen seines Buches Rede und Antwort stehen. Als Gesprächspartner begleitet ihn BR-Redakteur Siegfried Höhne. Das Wochenblatt sprach mit dem Theologen vorab.

REGENSBURG _25 VATIKANSTADT Wochenblatt: Herr Berger, Sie widmen sich in Ihrem Buch auch der Piusbruderschaft, die im Landkreis Regensburg ein Priesterseminar betreibt. Wie gefährlich finden Sie solche Bewegungen außerhalb – aber auch innerhalb, wie etwa bei Opus Dei – der Kirche?

Berger: Im Hinblick auf die Gesamtgesellschaft in Deutschland stellen diese Gruppen rein zahlenmäßig keine Gefahr dar. Innerhalb der katholischen Kirche ist deren Einfluss jedoch unter dem jetzigen Papst erheblich angestiegen. Wer heute in der Kirche Benedikts Karriere machen will, muss erzkonservativ sein. Dadurch bahnt sich innerhalb der Kirche ein Wandel an hin zu deutlich fundamentalistischen Positionen: man setzt sich als Gemeinschaft der Heiligen im Kontrast zur „bösen Welt“. Statt den frischen Wind durch die Fenster der Kirche einzulassen, verrammelt man alle Öffnungsmöglichkeiten, die längst gefallenen Bastionen des Antimodernismus baut man voll Angst und in mühsamer Hilflosigkeit wieder auf. Durch das warme päpstliche Umwerben der Piusbrüder sowie der konversationswilligen Anglikaner werden die Gräben vertieft und erweitert hin zu den evangelischen Mitchristen und auch zu unseren älteren Brüdern im Glauben, den Juden.

WB: Lange haben Sie Ihre Homosexualität verborgen und haben Karriere im Kirchenapparat gemacht. Als Sie sich outeten, haben Sie sich nicht überlegt, zu konvertieren, beispielsweise altkatholisch zu werden? Dort spielt das Thema Homosexualität kaum eine Rolle, wird also akzeptiert.

Ich bin der katholischen Kirche, ihrer großen Tradition, nach wie vor so sehr verbunden, dass ein solcher Wechsel für mich nicht in Frage gekommen wäre. Zudem bin ich der Überzeugung, dass die Homophobie nicht notwendigerweise mit dem Wesen des Katholischen verknüpft ist. Sie entspringt vielmehr einem weithin neurotischen Zugang zur Sexualität. Ein solcher herrscht ganz offensichtlich im zölibatären, selber stark vom Problem der Homosexualität betroffenen Klerus.

WB: Haben Sie den Eindruck, dass in der Kirche der Missbrauchsskandal instrumentalisiert wird, um gegen Homosexuelle in der Hierarchie vorzugehen, obwohl das eine mit dem anderen eigentlich nichts zu tun hat?

Berger: Zunächst einmal war auffällig, dass man im Missbrauchskandal nicht den Mut hatte, sich hinzustellen und zu sagen: „Da haben unsere Priester schwere Verbrechen begangen und wir werden nun alles tun, damit dies in Zukunft nicht mehr vorkommt!“ Nein, man hat stattdessen Sündenböcke gesucht und schnell gefunden. Der zweite Mann im Vatikan neben dem Papst, Kardinalstaatsekretät Bertone, hat diese perfide Strategie im April 2010 auf den Punkt gebracht: Schuld an den Missbräuchen sind nicht unsere kirchlichen Strukturen oder Priester, sondern junge Schwule, die unsere Priester verführt haben!

Seitdem überschlagen sich die Kirchenfürsten vom Papst bis hin zu einfachen Diözesanbischöfen mit immer unfassbareren Ausfällen gegenüber Homosexuellen. Dies geht sogar so weit, dass der Vatikan bei der UNO mit Ländern zusammenarbeitet, die die Todesstrafe für homosexuelle Handlungen verhängen – Iran, Saudi-Arabien – oder vorhaben diese wieder einzuführen – wie Uganda. Zum anderen hat man – ähnlich wie bei den Missbrauchsfällen – versteckte, heimlich ausgelebte Homosexualität der Priester in den letzten Jahren systematisch benutzt, um seine eigenen Leute möglichst loyal zu halten. Gemäß dem Motto: „Wir wissen genau, dass du deine Sexualität heimlich auslebst, dann erwarten wir aber auch, dass du schön brav konservativ alles machst, was die Kirchenleitung will!“ Dass dies keine individuelle Erfahrung von mir ist, zeigt u.a. der Untersuchungsbericht der Missbrauchsfälle für die Erzdiözese München vom Dezember 2010. Ein eigenes Kapitel dieses Berichts zeigt detailliert, wie homosexuelle Kleriker „einem besonderen Erpressungspotential“ durch ihre kirchlichen Vorgesetzen unterlegen haben.

Die Kirche hat sich auch immer wieder erneuert, Reform-Papst Johannes XXIII. hat vielleicht mehr verändert als jahrhundertelang seine Vorgänger. Kann es nicht sein, dass sich die Kirche in den kommenden Jahrzehnten doch öffnet? Oder sehen Sie die Zukunft der Kirche eher düster?

Natürlich bleibt die göttliche Tugend der Hoffnung immer präsent, mit dem neuen Papst könnte doch wieder eine Wende zum Guten, weg von den „Unheilspropheten“ hin zu einer Reform der Kirche gewagt werden. Aber daneben steht auch die Vernunft und die sagt mir – zusammen mit allen bedeutenden Vaticanisti: Der nächste Papst wird vielleicht in der Außendarstellung auf den Old-School-Trash brokatener Gewänder verzichten, aber er wird gerade was die moraltheologischen und gesellschaftlichen Fragen betrifft, noch konservativer sein als sein Vorgänger. Dies wird die Kirche in Europa zunehmend zu einer Art fundamentalistischer Großsekte schrumpfen lassen.

Vielen Dank.

Die Veranstaltung beginnt am Freitag um 19 Uhr und findet im Hörsaal 3 gegenüber dem Audimax der Universität statt. 


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