25.04.2017, 13:22 Uhr

Kochbücher Slow Food ist eine Erfindung des Mittelalters

Bernhard Lübbers, Leiter der Staatlichen Bibliothek, zeigt uns die beeindruckende Ausstellung über die Kulturgeschichte des Kochens. Foto: ceBernhard Lübbers, Leiter der Staatlichen Bibliothek, zeigt uns die beeindruckende Ausstellung über die Kulturgeschichte des Kochens. Foto: ce

Der Leiter der StaatlichenBibliothek in Regensburg, Bernhard Lübbers, hat sich einer Kulturgeschichte des Kochens gewidmet. Die Ausstellung ist auf kleinem Raum - aber beeindruckend.

REGENSBURG Es ist eine weitere Ausstellung einer langen Reihe, die vor allem eines zeigt: Was Bernhard Lübbers, der Leiter der Staatlichen Bibliothek, aus dieser altehrwürdigen, aber lange auch ein wenig verstaubten Einrichtung gemacht hat. Die Bibliothek in der Gesandtenstraße ist längst eine Kulturstätte des Buches geworden – Lübbers, der dem Elfenbeinturm der Universitäten mit einem verschmitzten Lächeln begegnen kann, gleichsam aber ein Meister seines Faches, der Historie ist, bringt vor allem die Menschen, auch jenseits des Bildungsbürgertums, zu seinen heiß geliebten Büchern.

Und da ist Lübbers ein Hüter von unfassbaren Schätzen. „Einbrenn, Gesottenes und Nockerl“ heißt die Ausstellung, die seit 13. März noch bis zum 30. Juni 2017 dort zu sehen ist. Aufhänger ist eine Schenkung, die Lübbers elektrisierte: Eine Schenkung fast aller Auflagen des berühmten Kochbuchs einer gewissen Marie Schandri, die in der ersten Küche in Regensburg kochte: im Goldenen Kreuz, wo im 19. Jahrhundert – wie lange zuvor – Kaiser und Könige logierten. Das Werk erschien erstmals 1868 und soll bald in 100. Auflage erscheinen. „Ich habe in unserem Magazin nach Kochbüchern gesucht – und wurde schnell fündig“, sagt Bücherliebhaber Lübbers. „In unserer Medizin-Abteilung.“

Vermittelt wurde die Schenkung einer Würzburgerin durch das Museum der Bayerischen Geschichte, denn ins neue Museum am Donaumarkt soll eines ausgestellt werden. Doch was tun mit den anderen Auflagen? Genau, Lübbers griff sofort zu.

Was der Bibliothekar und Historiker vor sich sah, war die Abbildung des gesellschaftlichen Wandels – anhand des Essens. „Wir haben ein Kriegskochbuch, in dem der Mangel Thema ist“, da war Schmalhans Küchenmeister. Oder ein Kochbuch aus dem Dritten Reich, da hieß es, kauft nur deutsche Produkte.

Essen war lange Zeit bis weit ins 19. Jahrhundert hinein wenigen vorbehalten, die sich einen Koch leisten konnten. Schnell entdeckte Lübbers, dass Kochbücher bis ins 15. Jahrhundert zurück in den Magazinen der Staatlichen schlummerten. Er hat aus seiner Schatzkammer ausgewählt und einige davon ans Tageslicht gehoben. Herausgekommen ist die Ausstellung, die nichts minder ist als eine Kulturgeschichte des Kochens auf kleinem Raum. Beeindruckend – und aktuell wie nie.

Wie sich unser Land veränderte, auch das bildet sich in den Kochbüchern ab. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist es das Wirtschaftswunder, das Essen wird opulent. Als die Gastarbeiter kommen, taucht der Toast Hawaii in den Kochbüchern auf – die Fremden bringen ihre Küche mit, die wohl eindrücklichste und nachhaltigste Form der Integration, keine Frage. „Ich bin sicher, dass in künftigen Auflagen auch Falafel-Rezepte abgedruckt sein werden“, so Lübbers.

Hausfrau als Erfindung des Bürgertums

Aber es ist auch die Geschichte der Frauenemanzipation, aber auch die Feststellung, dass das Konzept der braven Hausfrau „eines aus dem 19. Jahrhundert ist“. Es ist die Erfindung der Kleinfamilie, die auch die Kochbücher nachhaltig verändern. Interessant ist, dass sich eine Sache erst zögerlich wiederfindet: die sexuelle Revolution, die Vereinzelung, das Singletum. Was in den 70er-Jahren beginnt, findet sich spät.

Erst in den 80ern verändert sich das Koch- und auch das Essverhalten. Natürlich ist es aber auch viel früher schon die Industrialisierung, auch der Lebensmittel. Instant-Produkte erleben einen Siegeszug, sie verändern auch die Küche. Doch wie haben die Menschen des späten Mittelalters gegessen? „Stark überwürzt“, meint Lübbers, der sich für eine Fernsehaufnahme tatsächlich auch ein Wildschwein aus einem Kochbuch des 15. Jahrhunderts nachkochen ließ. Regensburg muss aber schon damals ein Eldorado für Gourmets gewesen sein, denn die Regensburger Kaufleute, die in Venedig die Sektion der deutschen Kaufleute führten, brachten die Fülle der Gewürze nach Regensburg. Das prägt auch die Gasthaus-Landschaft. Lübbers hat in den alten Kochbüchern auch eine verblüffende Entdeckung gemacht: „Wir glauben, soetwas wie Slow Food sei einer Erfindung der Neuzeit, aber das stimmt nicht. Die Autoren haben sich vor Jahrhunderten Gedanken darüber gemacht, wie gutes Leben aussieht.“ Und dazu gehörte eben Essen.

Doch während die Industrialisierung dieses Wissen überlagerte, sind es andere Vorzüge unserer Gesellschaft, die sich auch widerspiegeln. „In der Küche lässt sich die Demokratisierung ablesen“, meint Lübbers.

Vergangene Woche lud er zu einer seiner beliebten Büchersprechstunden. Diesmal ging es um Kochbücher. Wie stark dieses Thema interessiert, auch das stellte Lübbers sehr schnell fest: „Wir sind geradezu überrannt worden“, so der Leiter der Staatlichen. Kein Wunder: Nicht nur die Liebe, das ganze Leben geht durch den Magen ...


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