19.04.2017, 09:22 Uhr

Wichtige Tipps für den Ernstfall Erste Hilfe leisten: 'Man muss sich trauen. Mehr als tot geht nicht!'

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Spätestens seit dem 1. April ist die Motorrad-Saison wieder eröffnet und auf den Straßen wimmelt es nur so von Bikern. Und weil ihnen nach der langen Winterpause vielleicht noch etwas die Routine fehlt und auch die Autofahrer sich erst wieder an die motorisierten Zweiräder gewöhnen müssen, kommt es derzeit häufig zu Unfällen.

REGENSBURG Anlass genug, sich um Erste Hilfe Gedanken zu machen. In die Situation, als Erster bei einem Unfall mit Verletzten vor Ort zu sein, kann schließlich jeder kommen. „Es kommt regelmäßig vor, dass ich zu einem Unfall komme und keine Erste Hilfe geleistet wurde“, erzählt die 25-jährige Regensburgerin Melanie Lang. Sie ist Rettungssanitäterin beim Bayerischen Roten Kreuz und gibt auch regelmäßig Erste-Hilfe-Kurse. „Es gibt zwei entscheidende Szenarien, die einen als Ersthelfer erwarten können: Im ersten Szenario ist der Verunfallte bewusstlos mit Atmung und im zweiten Szenario ist der Verunfallte bewusstlos ohne Atmung“, erklärt Melanie Lang. Je nachdem erfordert die Situation unterschiedliche Maßnahmen.

Kommt man – zum Beispiel auf der Straße – an einem Unfall vorbei, sollte man in jedem Fall anhalten, den Warnblinker setzen, eine Warnweste anziehen und ein Warndreieck aufstellen. Als nächstes sollte man nachsehen, wie es dem Verunfallten geht und einen Notruf absetzen. „Wenn man zu zweit ist, ist es natürlich am besten, alles parallel zu erledigen“, so die Rettungssanitäterin.

„Nicht an die Folgeschäden denken“

Ist der Patient bewusstlos und atmet, sollte man ihn in die stabile Seitenlage bringen und den Kopf überstrecken. Dabei ist laut Melanie Lang vor allem das Bauchgefühl sehr wichtig. Ist der Verunfallte Motorradfahrer und trägt einen Helm, muss dieser unbedingt abgenommen werden. Davor, das Rückenmark des Patienten zu verletzen, muss man als Ersthelfer keine Angst haben. „Man muss erst an die lebensrettenden Maßnahmen denken und nicht an die Folgeschäden“, stellt Lang klar. Ansonsten ist es natürlich wichtig, beim Patienten auf den Rettungsdienst zu warten, ihn zu beruhigen, ihn zuzudecken und vor allem Menschlichkeit zu zeigen.

Ist der Patient bewusstlos und atmet nicht mehr, sollte sofort mit der Herzdruckmassage als Reanimationsmaßnahme begonnen werden. Dabei drückt man in der Mitte des Brustkorbes, tief und schnell. Und zwar am besten so lange, bis der Rettungsdienst eintrifft – ohne Pause. Auch davor, einen Rippenbruch beim Patienten zu verursachen, muss man keine Angst haben. „Der Patient ist in diesem Fall schon tot. Man kann es also nur besser machen“, versucht Melanie Lang die Angst vor Erster Hilfe zu nehmen.

Nach einem Schlüsselerlebnis im Dezember 2016 hält Melanie Lang es für dringend notwendig, Eigeninitiative zu zeigen und an die Öffentlichkeit zu gehen. Damals besuchte sie einen Christkindlmarkt in Regensburg. Ein Mann lag regungslos hinter einer Bude auf dem Boden. Ersthelfer waren vor Ort. „Der Mann hätte reanimiert werden müssen. Das haben die Ersthelfer aber leider nicht erkannt“, erzählt Lang. Der Mann starb an einer Aortendissektion. Auch wenn in diesem Fall eine Reanimation nicht geholfen hätte, ist es doch ein gutes Beispiel dafür, dass die Menschen für das Thema Erste Hilfe sensibilisiert und auf den Ernstfall vorbereitet werden müssen.

Alles in allem hat die Rettungssanitäterin Melanie Lang eine ganz klare Botschaft: „Die perfekte Erste Hilfe gibt es nicht! Es ist wichtig, Menschlichkeit zu zeigen. Es gilt die Devise: besser falsch als gar nicht! Fehler sind erlaubt“. Auch in der Uniklinik Regensburg ist das Thema Erste Hilfe allgegenwärtig. Dr. Markus Zimmermann, Facharzt für Notfall- und Intensivmedizin und Leiter der Notaufnahme der Uniklinik Regensburg, macht leider immer wieder die Erfahrung, dass bei Unfällen keine oder nicht ausreichend Erste Hilfe geleistet wird.

Keine Erste Hilfe leisten kann Leben koste

Auch dass Personen aufgrund von unterlassener Ersterhilfeleistung nicht mehr gerettet werden können, kommt regelmäßig vor. Ginge es nach ihm, würden schon die Kinder in der Schule im Rahmen des Unterrichts Erste Hilfe lernen. „Man muss Erste-Hilfe-Kurse machen und sich im Ernstfall einfach trauen“, so Dr. Markus Zimmermann. Auch er ist der Meinung, dass ein Ersthelfer keine Angst vor Fehlern zu haben braucht: „Mehr als tot geht halt nicht“, stellt er klar. Im Ernstfall braucht ein Rettungsdienst acht bis zwölf Minuten, bis er vor Ort ist. Bei einem Herzstillstand treten aber bereits nach drei Minuten unwiderrufliche Schäden des Gehirns auf. „Führt ein Ersthelfer eine Herzmassage durch, steigen die Überlebenschancen beim Patienten um den Faktor zwei bis vier“, macht Dr. Markus Zimmermann Mut.


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