22.07.2011, 07:05 Uhr

SPD-Mann beim Bischof: Frank-Walter Steinmeier: „An Europa glauben“

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Der Regensburger Bischof hat mit der Einladung von SPD-Mann Frank-Walter Steinmeinmeier zum Domforum nicht nur Überparteilichkeit bewiesen, sondern auch eine geschickte Hand: Immerhin gilt Steinmeier als möglicher Kanzler-Kandidat seiner Partei. Im Dom zu Regensburg sprach Steinmeier über aktuelle Politik – und Glauben: Zum Beispiel an Europa, das derzeit viel Glauben notwenig mache.

REGENSBURG _25 BERLIN „Derjenige, der den Termin für das Domforum ausgesucht hat, der muss wahrlich ein prophetische Gaben gehabt haben“, so begann Frank-Walter Steinmeier, Ex-Außenminister und aktueller Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion, am Donnerstag, 21. Juli, seine Rede im Hohen Dom St. Peter in Regensburg. Denn genau zum gleichen Zeitpunkt säßen die 27 Chefs der EU-Staaten in Brüssel zusammen, um dasselbe Thema zu diskutieren, über das er sprechen wolle: „An Europa glauben“, so hatte er den Abend überschrieben. Es gehe um die Zukunft Europas – im Regensburger Dom – und auch in Brüssel.

Er habe die Einladung des Bischofs nach Regensburg gerne angenommen, so Steinmeier. „Ich war aber auch etwas überrascht“, berichtete er. Nicht nur, dass mit ihm ein Sozialdemokrat eingeladen worden sei, nein, er sei zudem aktiver Protestant und ordne sich auch noch in der calvinistischen Ecke ein. „Das war ein hohes Risiko“, bemerkte er und schloss die Hoffnung an, dass es nicht das letzte Mal gewesen, dass er in solch einem Rahmen sprechen dürfe.

Schonungslos realistische, aber keineswegs ausweglose Bilanz

Frank-Walter Steinmeier zog eine schonungslos realistische, aber keineswegs ausweglose Bilanz der momentanen Situation der Europäischen Union. In den vergangenen Jahren sei viel passiert: Schlagbäume seien gefallen, in den Achtzigern seien mit Spanien und Portugal ehemalige Diktaturen der Gemeinschaft beigetreten. Durch die und wegen der Europäischen Union sei die Deutsche Einheit erleichtert und die europäische Einigung erst ermöglicht worden. „Wir sind Zeugen und Nutznießer einer gemeinsamen Währung geworden. Und heute frage ich mich, ob der europäische Phönix zurück in die Asche sinkt“, so Steinmeier. Ganz so dramatisch wollte er es dann aber auch nicht sehen. Steinmeier bemängelte, dass sich heutzutage kaum mehr ein Politiker, geschweige denn ein ganzes Mitgliedsland die europäische Sache zueigen mache. Dinge, für die lange gekämpft worden seien, würden nun einfach zur Disposition gestellt. Steinmeier sprach hier die neuerlichen Grenzkontrollen in Dänemark und die Unterdrückung der Pressefreiheit in Ungarn an.

Was Europa im Innersten zusammen hält

Nach dem Zweiten Weltkrieg sei die Versöhnung innerhalb Europas selbstverständlich gewesen, keiner hätte sie infrage gestellt, so Steinmeier. Bis vor Kurzem sei dieses „Erfolgsprojekt Europa“ ohne Beispiel gewesen. „Oft bin ich im Ausland – vor allem in Asien und Südamerika – gefragt worden, wie wir es in Europa schaffen, die Staaten zusammenzuhalten“, berichtete Steinmeier. Doch die jüngere Generation, die keine persönlichen Erfahrungen aus dem Krieg mehr mitbringt, sei vom Blick in die Vergangenheit nicht mehr beeindruckt. „Das können wir dieser Generation auch nicht zum Vorwurf machen“, so Steinmeier. Das Streben nach Wohlstand und Frieden innerhalb Europas habe so seine „selbstverständliche Normalität“ verloren. Immer mehr greife die Renationalisierung um sich, und zwar nicht nur in den Köpfen mancher Politiker, auch die Bevölkerung in den einzelnen Mitgliedsstaaten denke wieder nationaler. „Der Glaube an Europa muss erneuert werden. Wir brauchen eine neue tragfähige Grundlage und weitere Integrationsschritte. Zudem müssen wir die Eitelkeiten der Nationalstaaten überwinden“, so Steinmeier.

Erneuerung: Kirche als Vorbild?

Bei diesem Prozess der Erneuerung könne auch die Kirche Vorbild, Antreiber und Ideengeber sein. Steinmeier forderte die Kirchen auf, die Verschiedenheiten innerhalb Europas zu versöhnen. So wie Papst Johannes Paul II. mit seinen Besuchen in Polen maßgeblich an der europäischen Einigung beteiligt gewesen sei, wünschte sich Steinmeier auch von den heutigen Kirchen, ihre Stimme zu erheben – „im Chor, im Kanon oder auch mal im Durcheinander“. Steinmeier wünschte sich eine Kirche, die all denen mit Widerspruch begegnet, die dem Islam in Europa keinen Platz geben wollen. Er wünschte sich mehr Toleranz innerhalb der Union, wenn es um Herkunft, Religion oder Hautfarbe geht. Und Steinmeier wünschte sich auch, dass die Wirtschaft wieder eine dienende Rolle für die Menschen einnimmt – „die Wirtschaft muss auf das Gemeinwohl ausgerichtet sein!“ Er forderte alle auf, auf dem Weg zu einem erneuerten „Projekt Europa“ mitzugehen. „ Es ist jetzt an der Zeit, wir müssen jetzt handeln und gemeinsam Verantwortung tragen“, schloss Steinmeier seine nur etwa 30-minütige Rede, die aber in der Kürze doch alles beinhaltete, was die Europäische Union einst ausmachte – und was sie wieder ausmachen könnte, wenn alle daran glauben.

Kohl war schon da und Otto von Habsburg

Bischof Gerhard Ludwig Müller hatte im Vorfeld der Rede Steinmeiers die Bedeutung des Regensburger Domforums hervorgehoben. Viele repräsentative Persönlichkeiten – Altkanzler Helmut Kohl, Ex-Ministerpräsident Edmund Stoiber, der kürzlich verstorbene Otto von Habsburg, um nur einige zu nennen – hätten bereist zum Thema Europa im Regensburger Dom gesprochen. „Heute ist ein evangelischer Christ in einem katholischen Dom zu Gast, das ist echtes ökumenisches Miteinander“, betonte Müller. Respekt und Nächstenliebe, davon sollte das Miteinander der Menschen geprägt sein, auch politisch innerhalb der Europäischen Union. Frank-Walter Steinmeier habe diese Nächstenliebe in seiner Organspende bereits gezeigt. Bischof Müller zollte dem Politiker seinen Respekt, auch im Namen der Anwesende, die dies mit Applaus quittierten. Nach der Rede Steinmeiers stellte Gerhard Ludwig Müller nochmals klar, dass es auch für ihn keine Alternative zu Europa gebe, „Wir müssen mutig weitergehen“, schloss er den Abend im Regensburger Dom.


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