16.08.2016, 13:12 Uhr

Volker Tretzel im Gespräch Der Gönner fühlt sich missachtet: Ausstieg aus der Nibelungenkaserne?

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Volker Tretzel steht am Pranger wegen der Spendenaffäre – dabei hatte er Millionen in Regensburg gesteckt. Jetzt spricht der Millionär exklusiv im Wochenblatt.

REGENSBURG Immer, wenn er die öffentlichen Anwürfe nicht mehr aushält, geht er in die Luft. Volker Tretzel ist seit vielen Jahren ein begeisterter Sportflieger. Seine Maschine steht in Oberhub, wo auch Hans Schaidinger fliegt, den er viele Jahre schon kennt. Von oben betrachtet er dann die Stadt, in der er so viele Bauten verwirklicht hat: Am Roten-Brach-Weg beispielsweise. Die Tretzel-Philosophie war stets, dass der Mensch nicht nur wohnen, sondern auch leben können soll. Viel Wasserflächen, offene, weite Architektur, Nachhaltigkeit als Maxime: Das war dem Mann, der eigentlich studierter Rechtsanwalt ist, stets Ziel und Aufgabe.

Doch seit bekannt wurde, dass 76 Ermittler am 14. Juni Räume im Alten Rathaus, aber auch bei drei Bauträgern und sogar Privaträume von Mitarbeitern durchsuchten, steht Tretzel am Pranger – als sei all das, was der Mäzen die letzten Jahre geleistet hat für die Stadt, plötzlich ein Sumpf aus dubiosen Spendengeldern.

„Ich bin ein 68er“, sagt Tretzel im Gespräch mit dem Wochenblatt. „Ich habe mir Gedanken darüber gemacht, wie ich meine Gewinne verteilen kann – in der Gesellschaft ebenso wie unter meinen Mitarbeitern.“ Mehr als ein Drittel der Gewinne Tretzels gibt er an sein Führungspersonal weiter – gleichzeitig erwartete er aber auch stets gesellschaftliches Engagement. Und das war vielfältig. Der leidenschaftliche Organist Tretzel spendete hunderttausende von Euro in den Kulturbereich. Der Alt-68er erinnert stark an Mäzene, wie sie in den USA an der Tagesordnung sind. Dort erwartet man, das jene, die es zu etwas brachten, der Gesellschaft etwas zurückgeben. Übrigens: Die Firma Bauteam Tretzel selbst spendete 39.600 Euro an die SPD in den letzten Jahren, 30.000 Euro an die Bürger für Regensburg. Die Staatsanwaltschaft summiert die Spendensumme aber auf 366.000 Euro allein für Wolbergs. Doch auch Tretzels Frau spendete, seine Schwiegermutter und leitende Angestellte. Die Behauptung, die dahinter steckt: Tretzel allein habe das veranlasst. Ähnlich geht es auch den anderen beiden Bauträgern. Er winkt ab …

Maßgeblichen Anteil hat Tretzel daran, wo der Jahn Regensburg heute steht. Und auch das Stadion wäre ohne ihn undenkbar. Sein Mäzenatentum war oft der Stoff gewesen, ohne den blutarme Vereine wie der Fußball-Drittligist Jahn Regensburg nicht überleben konnten. So pumpte Tretzel – sicher auf Bitten des damaligen Oberbürgermeisters Hans Schaidinger – 700.000 Euro in die vor der Pleite stehenden Eisbären. Die gingen trotzdem Bankrott, Tretzels Geld war weg, übrigens von der Öffentlichkeit völlig unbemerkt. Beim Jahn war er jahrelang der Impresario im Hintergrund. So kaufte er Aktien und vergab Darlehen, seit 2005 in Höhe von insgesamt mehr als zehn Millionen Euro. Teile der Darlehen wurden mittlerweile in Sponsoring-Verträge umgewandelt, doch Tretzel ist nach wie vor der Hauptaktionär und soll 90 Prozent des Stammkapitals des Fußballvereins auf sich vereinen. Er könnte diese auch verkaufen, denn laut Satzung ist dafür eine Zweidrittel-Mehrheit nötig – Tretzel vereint diese auf sich. Auch das Stadion gäbe es ohne Tretzel nicht: 2012 rief ihn Hans Schaidinger an, fragte, ob er weiter als Sponsor zur Verfügung stünde für den Jahn – denn wenn dem Jahn das Geld ausginge, habe man ein neues Stadion gebaut, aber keinen Verein, der darin spielt. Tretzel sagte zu – die Politik beschloss das Stadion. Heute spricht kaum mehr jemand darüber, dass Tretzel den Jahn gestützt hatte, als andere das Weite suchten.

Schwer enttäuscht von Ex-Geschäftsführer

Schwer enttäuscht war Tretzel auch, als sein früherer Geschäftsführer gekündigt hatte. Umso erstaunter ist der Millionär, dass ihm nun unterstellt wird, er habe ihn bei der Stadtbau installieren wollen. „Die menschliche Enttäuschung ist der Hauptgrund für meine Resignation“, sagt Tretzel.

Das hat auch damit zu tun, wie das Bauvorhaben Nibelungenkaserne von Anfang an öffentlich diskutiert wurde. Tretzel hatte sich beworben, doch zunächst erhielten den Zuschlag andere, die für drei Baulose günstiger bauen wollten. Doch die neue Rathaus-Koalition zog die Reißleine. Es ging auch darum, mehr Sozialwohnungen zu verwirklichen: Statt der ursprünglich 140 geplanten sollen nun 300 entstehen. Eigentlich ein Grund zum Jubeln – auch, weil der Quadratmeterpreis für Käufer auf 3.490 Euro begrenzt war. Bislang sind sogar schon 200 Wohnungen verkauft – trotz der öffentlichen Schlammschlacht.

Doch Tretzel erwägt: „Ich würde am liebsten die Grundstücke an die Stadt zurückgeben und die Bauarbeiten einstellen.“ Vor allem verzögerte sich die Baugenehmigung, Kosten für Tretzel: Eine Million Euro. An den Wirtschaftsreferenten Dieter Daminger soll Tretzel bereits einen Brief geschrieben haben, dass er sich am liebsten zurück ziehen wolle aus dem Projekt. Bald werde er, Tretzel, 74. Vielleicht „habe ich doch nicht mehr die Nerven, das alles durchzustehen.“

Tretzel ist auch verwundert darüber, wie die Ermittlungen ins Rollen kamen. Wörtlich sagt er: „Ich kann mir vorstellen, dass die CSU-Regensburg und die Riege ihrer Helfershelfer nach ihrem desaströsen Abschneiden bei der Kommunalwahl einige Rachegelüste verspüren. Als alleinige Initiatoren dieses spektakulären und teilweise brutalen Auftritts von 76 Staatsanwälten und Kriminalbeamten kommen sie aber wohl nicht in Betracht.“ Da seien schon höhere Mächte am Wirken. „Auffällig ist, dass ausgerechnet ein SPD-Staatsanwalt die Sache ins Rollen gebracht haben soll. Ein charismatischer Senkrechtstarter Wolbergs, der noch dazu große soziale Kompetenz ausstrahlt, mag für den einen oder anderen Pfründenverwalter in der eigenen Partei schon ein Ärgernis sein“, findet er. „Aber natürlich kämpft die CSU in München um die Wiedererlangung der Regentschaft in Regensburg, die sie mit OB Schaidinger immerhin 18 Jahre innehatte. Staatsanwälte sind bekanntlich nicht nur ihrem Gewissen verpflichtet, sondern auch den Weisungen des CSU-Ministeriums unterworfen.“ Dass hier nichts laufe, glaube er nicht.

Für die Stadt wäre die Einstellung seines Engagements in der Nibelungenkaserner – nach dem beim Jahn – ein weiteres Desaster. Doch Tretzel merkt man an: Er ist enttäuscht von so vielen, denen er half ...


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