02.03.2016, 10:19 Uhr

Kirche Missbrauchs-Beauftragter des Papstes: ,Überall wurden die Täter geschützt'

Der Regensburger Jesuit Hans Zollner mit Papst Benedikt. Foto: Osservatore RomanoDer Regensburger Jesuit Hans Zollner mit Papst Benedikt. Foto: Osservatore Romano

Der gebürtige Lappersdorfer Hans Zollner ist Vize-Präsident der päpstlichen Universität Gregoriana in Rom und Leiter des Kinderschutzzentrums im Vatikan. Wir sprachen mit ihm über die Aufklärung von Missbrauchsfällen in der Kirche.

REGENSBURG_25ROM Herr Zollner, Sie verfolgen als gebürtiger Lappersdorfer sicher die Aufklärung des Missbrauchsskandals bei den Domspatzen. Wie kann man einerseits aufklären, andererseits aber nicht neue Verletzungen schaffen?

Für Christen ist Jesus der Maßstab. Er sagt, dass uns die Wahrheit frei machen wird – das braucht Mut und Konsequenz. Er sagt auch, dass wir unsere Nächsten lieben sollen. Das heißt in diesem Zusammenhang, dass wir alles vermeiden sollen, was Schuldlosen schadet. Tatsächlich ist das aber oft nicht zu vermeiden: Das Böse, das jemand verursacht hat, wirkt fort und verwickelt auch jene, die sich nichts zu Schulden haben kommen lassen. Versöhnung ist ein schwieriger und langer Weg.

Gibt es auch eine Art von Selbstgeißel-Reflex? Bisher wurde die Kirche ja kritisiert, gar nicht aufklären zu wollen.

Das kann es geben, wenn ungesundes Schuldgefühl, verdrängte Aggression oder lähmende Angst zum Vorschein kommen. Das verhindert wirkliche persönliche und institutionelle Auseinandersetzung mit Schuld und Versagen und frustriert auch jene, die sich für Aufklärung und Prävention einsetzen.

Wie sehen Sie die Vorgänge bei den Domspatzen, in Relation gesetzt zu den Missbrauchsfällen weltweit, die Sie kennen?

Überall wurden und werden Täter von Vorgesetzten geschützt, überall wurde und wird weggeschaut. Das gilt für Institutionen wie die UN, die US-Army oder die BBC, das gilt auch für die Kirche weltweit. Die Angst um den guten Ruf, die vielfachen Ebenen der Verbundenheit (persönlich, finanziell, institutionell) und das Nicht-Glauben-Wollen, dass jemand, den ich gut kenne und der gute Arbeit macht, Kinder missbrauchen könnte, finden sich durchweg. Was bei der katholischen Kirche häufig hinzukommt, sind eine zusätzliche Unsicherheit in Bezug auf Sexualität, eine einseitig verstandene Vorstellung von Barmherzigkeit und die Einstellung, dass man alles „unter sich“ oder „unter der Decke“ lösen will, ohne dass man kompetente Hilfe von außen holt.


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