23.02.2016, 15:00 Uhr

Leserbrief Domspatzen: Die Berichte sind Irrsinn

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Zu unserem Bericht „Vater klagt: „Domspatzen sind heute die neuen Opfer!“ erreichte uns dieser Brief:

REGENSBURG „Ja, es ist niederträchtig, wie mit Georg Ratzinger umgegangen wird. Einmal, weil seine Äußerungen absichtlich verfälscht werden. Wenn er – zumal von einem Anruf überrumpelt – von ,Irrsinn‘ sprach, dann in Bezug auf die Medienrezeption des Geschehens, zum Beispiel auf Heute-Schlagzeilen, die insinuieren, bis unlängst sei jeder dritte Domspatz vergewaltigt worden. Oder in Bezug auf Filme, die d

en Eindruck erwecken, bei den Domspatzen sei es nie um Musik, sondern strukturell vorrangig um Missbrauch gegangen. Wenn dann auf seine Bitte hin klargestellt wird, dass die Aussage „Irrsinn“ sich eben nicht auf die Aufklärung als solche und natürlich auch nicht auf die Hilfe für die Opfer bezieht, schreibt die interessierte Journaille, das Bistum kritisiere Ratzinger. Vermengende Zahlen- und Faktenangaben des ,Chefaufklärers‘ Weber in seinem Zwischenbericht haben die wirren Schlagzeilen mitausgelöst. Aussagen wie ,50 Taten vom Streicheln bis zur Vergewaltigung‘ und die fehlende Einordnung in klare Zeitspannen sind unverantwortlich.

Kein Berichterstatter über einen Strafprozess könnte einfach schreiben, dem Angeklagten würde irgendwas vom Streicheln bis zur Vergewaltigung vorgeworfen. Dem gesamten Domspatzen-Personal aber kann man das nachsagen? Weber mag es als Datenschutz der Täter sehen, wenn pauschal von ,Personen‘ die Rede ist.

Anwalt setzt Personal Generalverdacht aus Doch wenn er zum Beispiel für 15 Opfermeldungen körperlicher Gewalt in Bezug auf Regensburg ,18 Verdächtige‘ nennt, setzt er praktisch das gesamte Domspatzenpersonal einem Generalverdacht aus. Die Menschen, die ich in elf Jahren Domspatzen erlebt habe und allen voran Georg Ratzinger haben das nicht verdient.

Auch die pauschale Aussage ,Ratzinger muss etwas gewusst haben‘, bei der Weber nicht hinreichend klargestellt hat, wann, wovon und ob er daraus einen individuellen Vorwurf ableitet, ist ungut. Man kann die Frage stellen, ob Georg Ratzinger von der Schwere körperlicher Züchtigung in Pielenhofen bessere Erkenntnisse haben konnte als tausende Eltern und deshalb ausgerechnet er die Tragweite erkennen und die Stiftung zu massiverem Handeln hätte drängen müssen. Ich persönlich finde: nein. Mir erscheint abwegig anzunehmen, dass man sich ausgerechnet ihm eindringlicher und offener anvertraut hat, als der eigenen Familie. Und ich weiß, dass die Musik, nicht der ,Internatsapparat‘ seine Zuständigkeit und seine Leidenschaft war. Auch war ich selbst in Pielenhofen und habe nicht erkannt, welchen seelischen Schaden Mitschüler offenbar nahmen. Bin ich deshalb mitverantwortlich? Man kann das diskutieren. Doch viele Medien machen daraus Geschichten, als habe es bis unlängst oder gar bis heute Zustände wie etwa an der Odenwaldschule gegeben, wo die Führung ein ganzes System von Sex-Tätern bewusst deckte bzw. aus Mittätern bestand.

Und natürlich haben Sie Recht damit, dass auch den Opfern nicht im mindesten geholfen ist durch diese skandal-geile Berichterstattung.

Und Sie haben Recht damit, dass den heutigen Domspatzen und den vielen ehemaligen und aktiven Lehrkräften, Erziehern und sonstigen Mitarbeitern grobes Unrecht widerfährt, wenn landauf, landab der Eindruck genährt wird, das Domgymnasium sei ein einziger Sündenpfuhl. Ich habe bei den Domspatzen elf gute Jahre ohne eine einzige Nachstellung erlebt und verdanke den Beteiligten sehr viel. Kurzum: Nochmals danke!“

RA Peter Kreilinger (Domspatz von 1986 bis 1995) 


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