05.12.2013, 10:58 Uhr

Soziales Armut in einer reichen Stadt wie Regensburg: ,Wir dürfen da nicht wegschauen!'

Joachim Wolbergs Foto: Isa FoltinJoachim Wolbergs Foto: Isa Foltin

In einem Interview mit dem Wochenblatt spricht der dritte Bürgermeister von Regensburg, Joachim Wolbergs, über Armut in einer reichen Stadt, über Probleme und Lösungen für Verwahrlosung durch Drogen und Obdachlosigkeit und über Kinder, die eine Chance verdienen.

REGENSBURG Regensburg ist eine reiche Stadt. Die Region boomt, viele Menschen sind erfolgreich. Doch wie immer, wenn es einer Stadt gut geht, hat der Reichtum auch Schattenseiten. Regensburg, so heißt es in einem Maßnahmenbericht zur „Bekämpfung der Ursachen und Folgen von Armut“, hat mit hohen Lebenshaltungskosten zu kämpfen. Kinder- und Jugendarmut sind in Regensburg unterdurchschnittlich vertreten: Etwa 13 Prozent der Kinder und acht Prozent der Jugendlichen sind von Armut betroffen. Niedriger ist die Altersarmut mit etwa sechs Prozent, doch diese Zahl ist in Regensburg höher als in anderen Städten. Das Wochenblatt sprach mit Bürgermeister Joachim Wolbergs, der am 4. Dezember den Bericht der Verbände und Initiativen vorstellte.

Wochenblatt: Herr Wolbergs, was sind die größten sozialpolitischen Herausforderungen in Regensburg? Wolbergs: Erstens das Thema Wohnen. Zweitens das Thema Schulden. Hier haben wir die Schuldnerberatung deutlich ausgebaut mit der Caritas und der Diakonie. Dann halte ich die Drogenproblematik für eine riesige Herausforderung, und zwar, indem man versucht, an die Menschen heranzukommen. Nach wie vor ist das Thema Kinder- und Jugendhilfe – wie organisieren wir Chancengerechtigkeit? – ein ganz Zentrales. Und zuletzt ist das Thema Armut bei älteren Menschen ganz wichtig.

Woran merkt man, dass alte Menschen arm sind?

Ich glaube, es gibt so etwas wie einen Armutsgeruch. Ich habe ihn während meiner Zivildienstzeit kennengelernt in der ambulanten Altenpflege. Bei Hausbesuchen habe ich schon fünf Fälle erlebt, wo alte Menschen wirklich arm sind. Die scheuen sich oft, zum Amt zu gehen. Was uns wirklich hilft, ist die Einrichtung „Regensburgs nette Nachbarn.“ Da gehen auch alte Menschen hin, da ruft man in der Kirchengemeinde an, weil da der Stadtteilkümmerer sitzt. Dem vertraut man sich an.

Hat sich Regensburg verändert? Ist die Armut die Schattenseite des Erfolgs? Es ist nicht die Schattenseite, aber Armut fällt mehr auf. Wir sind in Regensburg immer noch in einer Stadt mit einer Größe, wo wir individuelle Probleme wahrnehmen und auch individuell helfen können. Immer wieder, gerade jetzt vor Weihnachten, stelle ich fest, die Bereitschaft der Bevölkerung, auch der Wohlhabenderen, zu helfen ist beeindruckend. Wo wir nicht oder kaum helfen können, ist das drängende Thema Wohnen.

Woran merkt man das? Ein Beispiel: Die beiden Frauenhäuser in Regensburg sind voll. Darin leben derzeit auch Frauen, die eigentlich schon ausziehen könnten. Aber sie finden keinen Wohnraum. Da stoßen wir an unsere Grenzen.

Auch allein Kinder großzuziehen, ist ein Armutsrisiko. Was kann die Stadt hier tun? Wir tun viel mit 27 Schulsozialarbeitern. Die Chancengleichheit für alle Kinder muss uns ein Anliegen sein. Aber ich glaube, ein Weg wäre, die Kreativität dieser Kinder zu fördern. Beispielsweise, indem die Musikschule in die Schulen geht. Ein Kind, das ein Musikinstrument lernt, lernt, dass es selbst etwas erreichen kann. Mit dem Materiellen ist ja vieles gleich erschlagen – aber wir müssen sehen, wie wir auch fehlende Werte und einen festen Rahmen vermitteln können, wenn Familien das nicht mehr leisten. Jedes Grundschulkind heute wird in seinem Erwerbsleben 2,3 Berufe im Schnitt erlernen müssen. Das ist ein fundamentaler Wandel, der verunsichert.

„Drogenabhängige nicht abschreiben“

Sie haben die Drogenproblematik angesprochen. Was kann die Stadt hier tun? Regensburg hat als Oberzentrum eine besondere Verantwortung, ob wir wollen oder nicht. Das liegt daran, dass wir die einzige Methadon-Abgabestelle in Niederbayern und der Oberpfalz haben. Viele der Drogenabhängigen nehmen nicht nur Methadon. Ich finde, jeder Mensch hat eine zweite Chance verdient, und ich finde, wir dürfen diese Menschen nicht einfach aufgeben. Hier bin ich für die Einrichtung eines Zentrums, das mit einer entsprechenden Betreuung einhergeht. Nicht für eine Wärmestube, damit wir das klar auseinanderhalten: Man muss diesen Menschen helfen und sie dabei unterstützen, auszusteigen. Oder ein Projekt wie einen Stadtteil-Büchereibus. Da liegen so viele Talente verborgen und man hat die Chance, dass Kinder andere Erfolgserlebnisse haben.

Wo könnte dieses Zentrum sein? Es kann, muss aber nicht in der Nähe des Bahnhofes sein, Hauptsache gut erreichbar. Apropos Bahnhof: Man hat den Eindruck einer Verelendung, die auch unangenehm ist im öffentlichen Raum ... Das trifft auch zu. Wir haben hier viele Probleme. Mit Alkohol, mit Drogen. Aber auch, dass Schlepper oft Flüchtlinge im Kinderalter absetzen. Die landen dann oft in der Bahnhofsmission. Auch die müssen wir von Seiten der Stadt so gut es geht bei ihrer Arbeit unterstützen. Insgesamt dürfen wir nicht einfach nach dem Motto ,die müssen weg da‘ handeln. Das verlagert nur das Problem. „Das sind Menschen ohne Tagesablauf“

Gibt es eine sich hart festsetzende Armut, etwa eine Gruppe von Menschen, die in Hartz IV verharren? Ja, wir haben in Regensburg quasi alles vermittelt, was in Arbeit vermittelt werden kann. Die Menschen, die jetzt in Hartz IV sind, haben oft sehr schwierige Ausgangslagen. Da muss man oft schauen, dass diese Menschen morgens aus dem Bett kommen. Ihre Wohnung aufräumen, einem geregelten Tagesablauf wieder nachkommen können. Hier muss man helfen. Armut verfestigt sich oft bei Langzeitarbeitslosen, aber auch bei älteren Menschen, die so wenig verdient haben, dass ihre Ansprüche sehr gering sind.

Welches Projekt empfinden Sie als dringlich neben der Einrichtung für Drogenabhängige? Das Thema städtische Notwohnanlagen ist ein Problem, das wir oft gehört haben und wo unbedingt etwas passieren muss. Es ist ja nicht damit abgetan, diese Menschen in eine Wohnung zu stecken. Man muss sie betreuen. Anstatt dass wir schauen, zwei Sozialpädagogen dort zu haben, zahlen wir oft im Nachgang für verwahrloste Wohnungen. Da kann man durch den Einsatz von Geldmitteln später Geld sparen.


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