01.02.2011, 12:47 Uhr

„Freiwilliger Ausstieg" statt peinlicher Rauswurf Warum Frankenberger wirklich zurückgetreten ist

Aus „zeitlichen Gründen” hatte Sebastian Frankenberger am Samstag seinen Rücktritt aus dem Passauer Stadtrat angekündigt. Darüber können viele Polit-Insider nur lächelnd den Kopf schütteln. Der wahre Grund liegt nämlich in einem tiefen Zerwürfnis zwischen der ÖDP-Fraktion und ihrem bekanntesten Paradiesvogel. Offizielle Stellungnahmen hierzu gibt es nicht. Man schweigt sich gegenseitig an und schweigt auch gegenüber der Presse. PaWo-Recherchen offenbaren allerdings einige pikante Details. Demnach soll Frankenberger unter der Federführung des Passauer ÖDP-Platzhirschen Urban Mangold mehr oder weniger zu seinem Rücktritt gezwungen worden sein und mit seiner Entscheidung in letzter Sekunde einen peinlichen Rauswurf aus der ÖDP-Fraktion verhindert haben.

PASSAU Wie konnte es dazu kommen, dass aus dem politischen Ziehvater Urban Mangold (48) und seinem jungen Meisterschüler Sebastian Frankenberger (29) erbitterte Polit-Kontrahenten wurden? Noch 2007 zeigte sich Frankenberger federführend für die Organisation von Mangolds Hochzeit auf Schloss Freudenhain, bei der er den Conférencier spielte.

2008 kam die erste Zäsur: Frankenberger wurde in den Stadtrat gewählt. Mangolds Zeit als Oppositionspolitiker, der es virtuos verstanden hatte, gegen den CSU-OB Albert Zankl zu schießen, war vorbei. Aus dem bissigen ÖDP-Fraktionsvorsitzenden Mangold wurde Passaus zweiter Bürgermeister von OB Jürgen Duppers Gnaden. Es wurde zunehmend ruhig um Mangold.

Dafür sorgte Jungspund Frankenberger als Stadtrat und neuer Mitarbeiter in der Landesgeschäftsstelle zunehmend für Wirbel und mediale Aufmerksamkeit, stellte jede gefühlte Woche einen neuen Antrag und schien seiner Aussage „Den Passauer Stadtrat werde ich ordentlich aufmischen” alle Ehre zu machen. Frankenberger wurde in seiner Antragswut von den beiden „Obern” schließlich eingebremst. Die gezähmte ÖDP geriet in ihre erste große Identitätskrise. „Vom Reißnagel der CSU zum SPD-Zapferl?”, titelte die PaWo spöttisch Ende 2008. Anfang 2009 warf Stadtrat Matthias Koopmann schließlich entnervt das ÖDP-Handtuch und wechselte zur Passauer Liste.

Frankenberger saß mittlerweile als stellvertretender Landesgeschäftsstellenleiter dem Platzhirschen Mangold im Genick, der aufgrund seines Bürgermeisteramtes nur noch halbtags im ÖDP-Büro gesichtet wurde. Der ehrgeizige Jungpolitiker witterte seine Chance und schielte in Richtung Chefsessel: Landesgeschäftsstellenleiter in der bayerischen ÖDP-Hochburg Passau – ein mächtiger Posten in einer Partei, die außerhalb Bayerns in der Bedeutungslosigkeit versinkt und selbst in Bayern nicht mal im Landtag vertreten ist. Politprofi Mangold entgingen diese Ambitionen natürlich nicht. Das Verhältnis kühlte zunehmend ab. 

Im Mai 2009 startete das ÖDP-Volksbegehren für mehr Nichtraucherschutz unter der Federführung von Frankenberger, der als Initiator immer mehr in den Fokus der Medienlandschaft rückte. Während er sich überregional präsentieren konnte, war sein einstiger Ziehvater Mangold im kommunalpolitischen Alltagsgeschäft gefangen. Ende 2009 stand schließlich fest: Der bayerische Volksentscheid zum Nichtraucherschutz kommt – ein erster großer Triumph für Frankenberger. Bürgermeister Mangold rückte in der öffentlichen Wahrnehmung immer mehr ins zweite Glied.

Frankenbergers Umgang mit den Medien sorgte in der Passauer ÖDP-Fraktion vermehrt für Kopfschütteln. Argwöhnisch wurde beobachtet, wie sich der Jungpolitiker für keine Story zu schade war und mit aller Macht ins Rampenlicht drängte. Die Eigendynamik, die das Volksbegehren entwickelte, war nicht mehr zu stoppen. 

Der langhaarige Paradiesvogel Frankenberger polarisierte in der Öffentlichkeit und wurde für die Raucher bayernweit zum ultimativen Hassobjekt. Frankenberger lief auf allen Kanälen, beinahe tagtäglich war sein Konterfei in den Zeitungen zu sehen. Mangolds einstiger Zögling war zum Zauberlehrling mutiert. Die ÖDP war in der Außendarstellung nur noch in der Person Frankenberger präsent. 

In der Passauer Fraktion wurde Frankenbergers weitgehend „schmerzfreie” Medienarbeit scharf kritisiert – falls er denn vor Ort in der Dreiflüssestadt war. Aufgrund des bayernweiten Medienmarathons war für Stadtratsarbeit nicht mehr viel Zeit. Frankenberger fand sich in der eigenen Fraktion immer mehr isoliert.

Mangold soll unter anderem die Befürchtung geäußert haben, dass die ÖDP mit Paradiesvogel Frankenberger als Stadtrat bei der nächsten Kommunalwahl in Passau abgewatscht werden würde. Das eigene Bürgermeisteramt schien zunehmend in Gefahr. Frankenberger hatte sich in den Augen der Fraktionskollegen zum Reißnagel im Hintern der Passauer ÖDP entwickelt. 

Seit Mitte 2010 gab es von Frankenberger keine stadtpolitischen Anträge mehr – lag es an der mangelnden Zeit oder doch eher an einer internen Blockade-Politik in der ÖDP-Fraktion? Anfang Juli 2010 folgte der Nichtraucher-Triumph beim Volksentscheid: Frankenberger war schlagartig als Nichtraucher-Kini eine bundesweit bekannte Persönlichkeit, der Medienhype erreichte neue Dimensionen. Es folgten Storys über Morddrohungen und Frankenberger marschierte provokant mit TV-Teams in die Festzelte. 

In der ÖDP-Fraktion soll es schließlich intern zum großen Krach gekommen sein: Frankenberger wurde demnach mit einem Rauswurf aus der Fraktion gedroht! Dies wäre ein regelrechter Supergau für seine geplante Kandidatur zum Bundesvorsitzenden gewesen. Schließlich soll eine Art Galgenfrist vereinbart worden sein: Frankenberger sollte spätestens nach einer erfolgreichen Kandidatur zum ÖDP-Bundesvorsitzenden als Passauer ÖDP-Stadtrat die Segel streichen. Ende September verkündete der 29-Jährige zunächst öffentlich seinen Rückzug aus der Landesgeschäftsstelle in Passau.

Als Frankenberger im November 2010 in Regensburg tatsächlich zum Bundesvorsitzenden gewählt wurde, gratulierte ihm Mangold vor Ort nicht und beglückwünschte seinen einstigen Zögling erst nach Medienanfrage. Frankenberger ließ in der Öffentlichkeit die Frage nach seinem Stadtratsmandat zunächst offen. Im Januar 2011 soll schließlich die endgültige Ansage von Seiten der Passauer ÖDP-Fraktion gekommen sein: Entweder freiwilliger Rücktritt oder ein peinlicher Rauswurf! Frankenberger hätte zwar als vom Volk gewählter Vertreter im Stadtrat bleiben können, allerdings entweder als einsamer Einzelkämpfer im Plenum oder eben in einer anderen Fraktion – als neuer ÖDP-Bundesvorsitzender undenkbar.

Am Samstag, 29. Januar 2011, verkündete Sebastian Frankenberger nach nicht mal drei Jahren seinen Rückzug aus dem Passauer Stadtrat. Aus „zeitlichen Gründen”. 

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