02.06.2016, 14:18 Uhr

Ehre für gebürtigen Vilshofener Niederbayer plant Niederlandes erste C2C-Schule: Einladung zur Architektur-Biennale in Venedig!

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Der gebürtige Vilshofener Thomas Bögl entwirft in den Niederlanden nachhaltige Bauten für Auftraggeber in aller Welt

DEN HAAG/VILSHOFEN/VENEDIG Nach dem Abitur in seiner Geburtsstadt Vilshofen (sowie Zivildienst/Ausbildung in der Altenpflege) studierte Thomas Bögl (Jahrgang 1968) Architektur an der TU Berlin. Es folgte ein Jahr in London, wo er sich an der University of East London auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit spezialisierte und dann seine Ausbildung durch eine intensive Beschäftigung mit Baubiologie und „Cradle to Cradle“ vervollständigte (C2C; siehe unten). 1999 ging Bögl nach Holland zu einem Architektenbüro, konzipierte nachhaltige Schulbauten in Afrika und China, stieg zum Partner auf. Ab Oktober 2009 verstärkte er als Mitarbeiter, seit 2011 als Partner/Geschäftsführer das Team von LIAG architecten en bouwadviseurs, Den Haag. Das Architektur- und Bauberatungsbüro wurde mit dem Entwurf Bögls für ein nach „C2C“ konzipiertes Schulgebäude, das erste in Holland, zur Architektur-Biennale nach Venedig eingeladen, die am 28. Mai eröffnet wurde und bis 27. November zu sehen ist.

Wie bei den Film-Oscars ist eine Nominierung / Einladung schon eine große Ehre, die nur wenigen Architekten weltweit zu Teil wird!

Preise Bögls: Twentse Immobilien Preis 2009 für nachhaltiges Bauen; Schulbaupreis Holland 2008 nachhaltigste Schule; u.v.m.

Die PaWo führte ein E-Mail-Interview mit Bögl, der selbst bei der Biennale-Eröffnung dabei war.

Passauer Woche: Was ist unter dem cradle-to-cradle-Prinzip zu verstehen? Und wie setzt man es konkret bei einem Schulgebäude um?

Thomas Bögl: Cradle-to-cradle heißt wörtlich: von der Wiege zur Wiege – im Gegensatz zu „von der Wiege zum Grab“. Dabei geht es darum, wie wir mit den immer spärlicheren Ressourcen so umgehen können, dass diese für nachkommende Generationen erhalten und wertvoll bleiben. Das bedeutet bei einem Schulbau zum Beispiel, nachzudenken, wie das Gebäude in 50 Jahren, wenn es keine Schule mehr sein sollte, auf eine andere Art verwendet werden kann – als Hotel oder Bürogebäude. Es bedeutet auch, dass das Gebäude seine eigene Energie erzeugt und Regenwasser zur Toilettenspülung verwendet wird, so kann kostbares Trinkwasser gespart werden.

Sie haben mit Ihren Projekten für LIAG und andere Büros einige Preise gewonnen. Welche Auszeichnung hat Sie am meisten gefreut? Die Einladung zur Biennale?

Thomas Bögl: Die Einladung zur Biennale ist sicherlich eine sehr hohe Auszeichnung! Was mich persönlich aber bisher am meisten gefreut hat, war mehr ein Kompliment. Eine Benutzerin von einem unserer Gebäude – sie wusste nicht, wer ich war – hat auf meine Frage, ob ihr das neue Arbeitsumfeld zusagt, mit strahlenden Augen erzählt, dass sie seit dem Umzug nie mehr Kopfschmerzen im Büro hat. Ein größeres Kompliment kann ich mir nicht vorstellen.

Ein ehemaliger Leiter einer Mordkommission sagte, nie führe eine Person alleine, sondern das Team den Erfolg herbei, wobei einzelne (kreative) Köpfe den Unterschied machen könnten. Ist das in Ihrer Branche ähnlich?

Ja, ich bin davon überzeugt, dass das bei allen komplizierten Prozessen so ist. Wobei man schon darauf achten muss, dass einer im Team der Kapitän ist!

Architekten werden auch als Künstler wahrgenommen. Stehen heute vor ästhetischen nicht funktionelle/finanzielle Gesichtspunkte? Oder aktuell mehr baubiologische und nachhaltige?

Thomas Bögl: Die Kunst der Architektur ist es, gerade all diese Aspekte zu berücksichtigen und zu einem stimmigen Ganzen zu fügen.

Sind Architekten nicht auch zu einem guten Teil Verwaltungsjuristen, was die komplexen Ausschreibungsmodalitäten vor allem bei staatlichen Bauten betrifft?

Thomas Bögl: Dieser Aspekt spielt auch eine immer wichtigere Rolle. Aber im Gegenzug zu dem, was immer behauptet wird, spielen auch bei allen Ausschreibungen subjektive Elemente eine wichtige Rolle und haben großen Einfluss auf die Entscheidung, wer den Auftrag erhält. Dabei werden dann sogenannte objektive Kriterien als Begründung angeführt.

Ihre Bauten wirken mit viel Glas und ungewöhnlichen Formen sehr futuristisch. Ist das die Zukunft nachhaltigen Bauens – und nicht eine Rückkehr zu traditionellen Techniken und Materialien (Holzbauweise etc.)?

Thomas Bögl: Nachhaltiges Bauen ist keine Stilfrage. Es ist eine Frage der genauen und sinnigen Abwägungen. Dabei muss man auch neue Wege einschlagen. So wird zur Zeit in der Architektur heftig diskutiert, ob wir nicht in der Zukunft Hochhäuser in Holzbauweise errichten können – einige erste Vorbilder werden in Kürze gebaut.

Hier kommt also Tradition und Technik auf eine völlig neue Art und Weise zusammen. Und warum? Weil es in allen Aspekten – finanziell, funktionell, ästhetisch, nachhaltig – wirklich Sinn macht.

Wäre es reizvoll für Sie, in Ihrer alten Heimat Bauprojekte zu verwirklichen?Thomas Bögl: Ja, wir sind im Augenblick mit der Stadt München im Gespräch über zwei Projekte. Außerdem beteiligen wir uns an Ausschreibungen.

Kennen Sie die „Neue Mitte“ von Passau, die anstelle der Nibelungenhalle entstanden ist?

Thomas Bögl: Ja ich komme ja noch regelmäßig nach Vilshofen und Passau und kenne auch den Architekten der „Neuen Mitte“.

Würden Sie sich einen Entwurf/ Vision für ein lange geforderte Konzerthaus für Passau zutrauen?

Thomas Bögl: Ja sicher. Als Architekt lebt man davon, sich etwas vorzustellen, was in der Zukunft dazu beiträgt, dass Menschen besser, gesünder oder schöner in ihrer Umgebung leben können. Ein Konzerthaus wäre da sicher eine faszinierende Herausforderung. Wir wurden vor einem Jahr auch gefragt, ob wir uns vorstellen könnten, im Oman ein Gebäude zu realisieren. Eine enorme Herausforderung, da die kulturellen und klimatologischen Voraussetzungen völlig andere sind als hier in Mitteleuropa. Auch bautechnologisch werden mit komplett andere Ausgangspunkten hantiert. Wir haben die Herausforderung angenommen und ein Gebäude entworfen, dass viel weniger Energie brauchen wird als andere Gebäude in der Region, etwas, worüber man in einem ölproduzierenden Land noch nicht richtig nachgedacht hat. Inzwischen rücken diese Aspekte auch in diesen Ländern immer mehr ins Blickfeld. Wir dürfen demnächst den Baustart feiern.

In Passau ist selbst Andre Heller mit seinen Vorstellungen gescheitert.

Thomas Bögl: Das gehört leider zum Geschäft. Manche Entwürfe – auch wenn sie noch so gut sind – werden nicht realisiert. Wir bauen im Augenblick zum Beispiel ein nationales Kinderkrankenhaus für Kinder, die Krebs haben. Obwohl jeder in der medizinischen Welt stets bestätigte, dass diese Entwicklung für Holland die einzig richtige ist und man hierdurch in der Zukunft anstelle von 75 Prozent zirka 90 Prozent der Kinder heilen kann, wäre das Projekt beinahe an verwaltungstechnischen und politischen Einwänden gescheitert.

Etwas, das man sich kaum vorstellen kann, wenn man darüber nachdenkt, dass hierdurch rund 75 Kinderleben pro Jahr gerettet werden können, und das alleine in einem kleinen Land wie Holland!


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