15.09.2011, 08:35 Uhr

Revolte im weißen Kittel Neue Vorwürfe gegen das Klinikum und eine Pressekonferenz

Foto: lwFoto: lw

Während die Klinikleitung in einer Pressekonferenz am Freitag zu den von den Assistenzärzten erhobenen Vorwürfen Stellung beziehen will, überschlagen sich die Ereignisse. Neue schwere Vorwürfe wurden am Donnerstag bekannt.

LANDSHUT In einer E-Mail, in der die Klinikleitung im Zusammenhang mit den im Wochenblatt veröffentlichten Vorwürfe der Assistenzärzte zu einer Pressekonferenz einlädt, wird versucht, die Angelegenheit auf kleiner Flamme zu kochen. Der Brandbrief der Ärzte werde vielmehr als "taktische Aktion" im Rahmen der Tarifauseinandersetzungen der Mediziner mit den Krankenhäusern gesehen. Statt ab-, habe man in den letzten 4 Jahren "überdurchschnittlich Personal aufgebaut". Klinikumsmanager Dietmar Bönsch: "Dass hier entsprechend gespart worden sein soll, können wir nicht nachvollziehen und dies entbehrt den Tatsachen." Es lägen keine Missstände vor, sondern es sei Urlaubszeit gewesen und "es lag parallel eine Erkrankung der beiden Fachärzte in der Notaufnahme vor", so Bönsch.

Unterdessen reißen die Vorwürfe nicht ab. Im Gegenteil. In einem Schreiben eines Klinikum-Insiders an das Wochenblatt werden gravierende Missstände detailliert geschildert – unter anderem im Zusammenhang mit dem Sparzwang. Kritisiert wird in diesem Zusammenhang auch der neue Kaufmännische Leiter des Klinikums, Joachim Schmid. 

Er soll laut dem Schreiben vor einigen Wochen veranlasst haben, dass die Stationskühlschränke abgeschaltet werden. Der Grund sei der erhöhte Stromverbrauch gewesen, den das Klinikum im Vergleich zu anderen Häusern habe. Als sich im Haus eine "Revolte" abgezeichnet habe, seien die Kühlschränke wieder eingeschaltet worden. Dafür sei aber der Aufzug im benachbarten fünfstöckigen Personalwohnheim außer Betrieb genommen worden. Und das, obwohl die Bewohner dort eine Abgabe für den Aufzug zahlen würden. Auch wäre Schmid bei den Angestellten des Klinikums wenig beliebt. Diese fühlten sich von dem neuen Mann regelrecht überwacht.

Eingegangen wird in dem Schreiben aber auch auf die Überlastung der Pflegekräfte. Zitat: "Das Pflegepersonal bewegt sich physisch und psychisch an der Grenze des Zumutbaren und darüber hinaus; Überstunden und rechtswidrige Mehrarbeit- Stichwort Arbeitstage ohne Freizeitausgleich sind seit einiger Zeit der Normalfall … Eine … Intensivstation wird trotz einer regelmäßig nicht verantwortbaren personellen Lage von der entsprechenden Stationsleitung dazu genötigt, notwendige Überlastungsanzeigen nicht zu schreiben – mit der Folge, dass es zu einer Patientengefährdung kommt oder kommen kann. Dies kann nur im Verborgenen bei Nachtschichten geschehen, im Wissen der Mitarbeiter, dass sie damit ihren Arbeitsplatz angesichts von eindeutigen Drohungen gefährden. Wenn über den Formweg verfahren wird, verschwinden diese Anzeigen und erreichen die Geschäftsführung nie."

Kritik auch, was die Situation im Personalheim angeht. "So steht aufgrund eines Investitionsstopps die Schließung des Personalwohnheims unmittelbar bevor, Abrissaufträge sind nach Angaben von Informanten bereits vergeben. Anstatt offensiv und fair darzulegen, wie die Zukunft aussehen soll, ob und wie ein Ersatz geschaffen werden kann, präferiert die Geschäftsführung einen vollends intransparenten Kurs nach dem Hauruck-Prinzip. Innerhalb von 4 Wochen wurden und werden weiterhin Wohnraum-Kündigungen an Personen verteilt, die teils nur aufgrund der günstigen Wohnsituation im Klinikum Landshut arbeiten. Sie stehen dann sprichwörtlich auf der Straße und müssen darum kämpfen, günstigen Ersatz zu finden, insofern dies bei einem Gehalt von ca. 650 EUR netto in einer „Speckgürtelstadt“ wie Landshut möglich ist. Zwei Stockwerke des Wohnheims wurden in den vergangenen vier Monaten gesperrt, da über die vergangenen zwei Jahre hinweg auf den desolaten Zustand des Hauses bewusst nicht reagiert wurde und Störungsmeldungen an den technischen Dienst mit einem Veto von oben versehen wurden und weiterhin werden. Skandalös ist, dass zugleich im Oktober 2011 16 neue Auszubildende das Wohnheim beziehen werden, in der festen und für den Standort Landshut entscheidenden Erwartung, hier ihre Ausbildung drei Jahre verbringen zu können. Getäuscht, da sie ohne jede Information sind, dass sie nach dem Winter der Rauswurf erwartet. Das Wohnheim muss saniert werden oder Ersatz geschaffen werden, vor allem aber muss frühzeitig informiert werden."

Das Wochenblatt hat Klinikums-Manager Dietmar Bönsch mit den Vorwürfen konfrontiert. Seine Stellungnahme im Wortlaut:

"Wir haben bis September 2011 Vakanzen zum Stellenplan, die aber aus dem Umstand resultiert, die gerade examinierten Gesundheitspflegerinnen und –pflegern die Anstellung ab Oktober 2011 zu ermöglichen. Dies geschieht in jedem Jahr und führt auch zu den üblichen Diskussionen. Wir können nicht erkennen, dass dies insbesondere während der Haupturlaubs- und Ferienzeiten, wo regelmäßig die Auslastung niedriger ist als in den anderen Monaten, zu einer problematischen Pflegesituation führen soll. Darüber hinaus sind im Jahr 2011 zusätzliche 12 Planstellen im Pflegedienst geschaffen worden (Pflegeförderprogramm), so dass die Besetzung oberhalb der Besetzungen der vergangenen Jahre liegen. Auch haben wir zusätzliche Stellen aufgrund der Spezialisierung (u.a. Schlaganfalleinheit) geschaffen, die vorher nicht existent waren.

Auch sei zu erwähnen, dass im Geschäftsjahr 2011 die Überstunden im Pflege- und Funktionsbereich nicht angestiegen, sondern nachhaltig um ca. 3.000 Stunden abgenommen haben. In Zeiten von vermuteten Unterbesetzungen wäre eigentlich ein Anstieg zu erwarten. Auch haben wir derzeit einen größeren Zulauf von Bewerbungen aus Nachbar-krankenhäusern. Wenn hier alles so schlecht sein soll und irgendwo anders nicht, wäre auch dies nicht zu erklären.

Der Geschäftsführung ist von Maulkörben von Führungskräften oder aus dem Betriebsrat nichts bekannt und kann sich dies auch nicht vorstellen. Dies wurde im Rahmen eines heutigen Gespräches mit der Pflegedirektion auch so bestätigt.

Wir können entsprechende Äußerungen von Beschäftigten nicht nachvollziehen, zumal unsere Besetzungen im Pflege- und Funktionsdienst überdurchschnittlich im Vergleich zu anderen Krankenhäusern sind. Unsere Pflege erfolgt auf einem sehr hochwertigen Niveau.

Situation Kaufmännische Leitung (Joachim Schmid)

Der Kaufmännischen Leitung unterstehen direkt und unmittelbar sämtliche operative Einheiten, insbesondere Personalmanagement, Abrechnung, Finanzbuchhaltung, Technik, EDV, Küche, Hauswirtschaft.

Ohne die Vorhaltung einer entsprechenden Position und einer guten Besetzung ist die weitere Umsetzung des Zukunftsprogramms nicht möglich. Seit dem 01.04.2011 bekleidet Herr Joachim Schmid diese Position. Dieser ist aus fast 30 Bewerbungen aufgrund seiner weitreichenden Erfahrungen ausgewählt und eingestellt worden (siehe Berichterstattung zum Auswahlverfahren).

Aufgrund des enormen finanziellen Drucks im Gesundheitswesen (0-Prozent Preissteigerungen, Tariflohnsteigerungen, Inflation 2,5%) sind auch Aufgaben durchzuführen, die nicht den Beifall aller Beschäftigten haben. Aufgrund des Kostenprogramms werden derzeit sehr viele Bereiche durchleuchtet. Inwieweit hier alles mit Geschicklichkeit angegangen worden ist, kann nicht vollständig und abschließend beurteilt werden. Wir können aber dem Vorgang entnehmen, dass gegenüber der Belegschaft offensichtlich transparent vorgegangen wird, ansonsten wären entsprechende Informationen über das Vorgehen von Herrn Schmid, die an die Presse gelangt sind, auch nicht verfügbar. Es lässt sich feststellen, dass Herr Schmid hat die Probezeit bestanden und auch keine einfachen Aufgaben zu bewältigen hat.

Personalwohnheim

Das Personalwohnheim (Baujahr Anfang der 60er) ist in die Jahre gekommen und mit einem enormen Instandhaltungsbedarf belastet. Zum Teil wird das Personalwohnheim auch von Auszubildenden genutzt, die nicht aus der Region kommen. Das Personalwohnheim ist kein betriebsnotwendiges Gebäude, eine kostengünstige Unterbringung der Schüler wird allerdings als förderlich angesehen. Aufgrund der problematischen Finanzierungssituation im Gesundheitswesen durch die Fallpauschalen ist eine Finanzierung nicht möglich.

Entsprechende Modelle für einen Ersatzneubau im Rahmen eines Investorenprogramms befinden sich derzeit in der Vorbereitung, die entsprechende Unterbringungsmöglichkeiten ermöglichen. Vor diesem Hintergrund werden nur die notdürftigen Instandhaltungen durchgeführt.

Es sind auch keine Absenkungen von Kursen in der Krankenpflegeschule geplant, im Gegenteil, die Ausbildung wird wichtiger denn je. Auch haben wir ein angemessenes Budget für den Ausbildungsbetrieb, was uns bei wirtschaftlicher Betriebsführung eine weiterhin hochwertige Ausbildungsqualität sichert. Ob dies in den nächsten Jahren aufgrund den Veränderungen im Gesundheitswesen so bleibt (Einführung von Richtwerten für die Finanzierung) bleibt dahingestellt.

Personalsituation Ärzte

Im Geschäftsjahr 2008 waren Jahresdurchschnittlich 145 Ärzte eingesetzt. Im Geschäftsjahr 2011 sind es zwischenzeitlich 155 Ärzte im Klinikum. Es ist nicht zu erkennen, dass hier eingespart worden sein soll.

Gerade in Urlaubszeiten kann es wie in jedem Jahr zu etwas höheren Belastungen temporär kommen. Dies nicht weil die Ärzte mehr erkranken, sondern weil aufgrund der Urlaubszeit weniger aus dem frei herangezogen werden können.

Auch musste die Notaufnahme aufgrund des stärken Zulaufs in der Ferienzeit (der niedergelassene Bereich macht in den Sommermonaten auch Urlaub!) verstärkt werden. Leider sind zwei Fachärzte erkrankt, die seit vielen Jahren in der Notaufnahme eingesetzt sind, wo sodann zusätzlich Personal von den Stationen temporär abgezogen werden musste. Um eine gute Versorgung –auch wegen der Urlaubs- und Ferienzeit im niedergelassenen Bereich- für Landshut sicherzustellen, haben wir uns für diesen Weg entschieden. Dass sodann die Weiterbildung während dieser Zeit leidet, ist nachzuvollziehen aber auch kein generelles Thema."

Wir berichten aktuell auf www.wochenblatt.de/landshut 


0 Kommentare