06.06.2011, 10:52 Uhr

Spektakulärer archäologischer Fund Der Goldschatz von Weihenstephan

Archäologen haben in Weihenstephan im Landkreis Landshut einen spektakulären Fund gemacht: In einem Grab aus der Zeit um 1.300 vor Christus fanden sie wertvollen Schmuck.

WEIHENSTEPHAN Hätte sie in Troja gelebt und Helena geheißen, würden noch 3000 Jahre später Filme mit Brad Bitt und anderen Weltstars gedreht nach den Geschichten aus ihrem Leben und ihrer Zeit. Aber die Zeitgenossin der schönen Helena lebte in Weihenstephan und kein Dichter hielt fest, wie sie hieß, was sie gefreut und um welche Menschen sie geweint hat. Ihr Grab aber, das nun bei Straßenbau-Arbeiten entdeckt worden ist und in dem sich 150 Gold-Fragmente und einige Bernstein-Perlen fanden, wird die Namen von Fundort und Gemeinde in die Welt der Wissenschaft hinaustragen.

Auch die zusätzlich in den Saal des Gasthauses Vilser getragenen Stühle reichten nicht aus - am Ende verfolgten einige Besucher die Vorträge vom Gang aus. Bürgermeister Dreier war begeistert von dem Interesse an der Veranstaltung, bei der mehrere Fachleute Erkenntnisse darlegten, die ein völlig neues Bild der Frühgeschichte der heutigen Gemeinde Hohenthann ergeben: Dr. Stefanie Berg-Hobohm vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege (BlFD), der Leiter der Ausgrabung auf der Trasse der künftigen Ortsumgehung von Weihenstephan, der Archäologe Michael Seiler von der Grabungsfirma ADV (Neuburg/Donau), der US-amerikanische Archäologie-Professor Dr. Matthew L. Murray (Universität von Mississippi), der seit Jahren die Vorgeschichte des Raums zwischen Kelheim und Landshut erforscht, und der Kreisarchäologe des Landkreises Landshut, Thomas Richter. Bei Straßen-Baumaßnahmen wie jetzt in Weihenstephan nehmen Grabungsfirmen unter der Regie des BLfD die wissenschaftlichen Untersuchungen vor. Nicht ganz drei Monate untersuchte das Team um Grabungsleiter Michael Sailer das Areal. Dass man auf einer vergleichsweise kleinen Fläche auf so großartige Funde stoßen würde, auf rund 400 archäologische Befunde und auf den ältesten Goldfund aus dem Landkreis Landshut - das habe niemand erwartet, schilderte Seiler. Das Grab dieser "Fürstin von Weihenstephan" stammt aus der späten Bronze-Zeit, zwischen 1350 und 1200 vor Christus: Soviel steht fest, wenn auch viele Detail-Fragen rund um den Fund erst nach und nach durch minuziöse Untersuchungen beantwortet werden können.

Es war eine Zeit dramatischer Veränderungen, jenes 13. Jahrhundert vor Christus: Nach Jahrtausenden, in denen es nördlich der Alpen so warm gewesen war wie heute am Mittelmeer, wurde das Klima spürbar kälter und ungemütlicher. Zuerst stürzten die Temperaturen, dann so manche Fürsten-Throne, auch politisch geriet die Welt aus den Fugen. Am Ende rollten Wellen entwurzelter Völker durch Europa und rund ums Mittelmeer. Kämpfe tobten: Der Krieg um Troja, den der Dichter Homer in seinem Epos "Ilias" schildert, fällt in diese Zeit. Dieses facettenreiche Bild kann die Wissenschaft zeichnen, weil die Experten vieler Disziplinen ihre Erkenntnisse wie Steine zu einem Mosaik zusammengefügt haben - von Archäologen über Meteorologen, Geologen und Botaniker bis zu Anthropologen und Medizinern.

Wie bei einem Mosaik ist ein einzelnes Sternchen vielleicht schön und glänzend, aber letztlich wertlos, wenn man nicht weiß, wo und wie es seinen Platz im Gesamtbild hat. Daher können Forscher und Geschichtsfreunde Schatzgräber und andere Plünderer nicht leiden. Und deshalb ist der Fund von Weihenstephan auch bis zum Vortragsabend geheimgehalten worden. Im Grab der Frau fanden sich Röllchen aus hauchdünnem Goldblech, die wohl einst zu einem Collier gehörten – und viele andere, meist kunstvoll verzierte Fragmente aus dem Edelmetall: etliche Gold-Kügelchen und Schmelztropfen, aber auch Stücke eines tordierten (gedrehten) Golddrahtes, einst Teil eines extravaganten Ohrrings der Bronze-Zeit-Fürstin. Die Forscher fanden zudem fünf Perlen aus Bernstein, dem "Gold des Nordens", das in vielen Epochen so wertvoll war wie Gold: Der Bernstein kam über die Fernhandels-Routen ("Bernstein-Straßen") von der Nord- und Ostsee in den Mittelmeerraum und findet sich sogar in Pharaonen-Gräbern.

Auch einige Bronze-Reste bargen die Forscher - sie sind bis zur Unkenntlichkeit verschmolzen: Wie der Leichenbrand, also die Asche der Toten, zeigt, ist ihre Leiche einst auf einem Scheiterhaufen verbrannt worden. Das geschah auf die gleiche Weise, wie sie Homer in seiner „Ilias“ einmal schildert - und wie es in dem Troja-Film aus dem Jahr 2004 gezeigt wird, der rund 3300 Jahre nach den sagenumwobenen Ereignissen rund 500 Millionen Dollar eingespielt hat. Grabungsleiter Seiler schilderte auch viele unspektakuläre, aber nicht weniger interessante Funde: Spuren von Webarbeiten etwa und Keramik-Reste aus Abfallgruben, die Leben, Handel und Wandel von "Otto Normalbürger" widerspiegeln. Wie sich zeigte, stand dort, wo um 1300 vor Christus ein Friedhof lag, etwa ab 800 nach Christus ein kleines Vorgänger-Dorf von Weihenstephan. Die gesegneten Fluren Niederbayerns mit ihren fruchtbaren Böden und ihrem Reichtum an Gewässern haben auch im Hügelland zwischen Donau und Isar die Menschen zu allen Zeiten angelockt, wie Prof. Matthew Murray darlegte: Systematisch geht er seit Jahren die Fluren ab - die Gemeinde Hohenthann war in jüngster Zeit sein Forschungsschwerpunkt. Über 160 neue Fundstellen hat Murray rund um Hohenthann, Biberg und Grafenhaun entdeckt: Die Geschichte der Gemeinde, soviel steht nunmehr fest, reicht zurück bis tief hinein in die Jungsteinzeit (5600-2300 vor Christus).


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