02.05.2018, 10:19 Uhr

Prozess am Landgericht In ganz Deutschland auf Opel-Klau: 250.000 Euro Schaden

(Foto: 123rf.com)(Foto: 123rf.com)

Nach Coup in Eching und filmreifer Verfolgungsjagd: Polnischer Kfz-Mechaniker (28) auf der Anklagebank.

ECHING/LANDHSUT Über Jahre hinweg ging offenbar eine polnische Bande in ganz Deutschland mit dem in Insiderkreisen als „Polenschlüssel“ bekanntem Werkzeug auf Opel-Klau. Nach einem Coup in Eching und einer filmreifen Verfolgungsjagd gelang die Festnahme des polnischen Kfz-Mechanikers Kamil M. (28), der sich jetzt wegen schweren Diebstahls vor der 6. Strafkammer des Landgerichts zu verantworten hat.

Wie Vorsitzender Richter Ralph Reiter zum Prozessauftakt feststellte, ist seit 2011 eine offensichtlich hochprofessionelle polnische Diebesbande am Werk, die sich auf das Stehlen bzw. das „Ausschlachten“ von gebrauchten Opel-Fahrzeugen spezialisiert hat und über das dafür notwendige Equipment verfügt. Die von der Staatsanwältin vertretene Anklage wirft dem seit April letzten Jahres in Haft sitzenden polnischen Kfz-Mechaniker allerdings nur die Mittäterschaft an insgesamt sieben Coups vor.

Zuletzt hatte der 28-Jährige am 18. April 2017 von einem Unbekannten einen gebrauchten Opel Insignia im Wert von 15 500 Euro, der zuvor aus einem Autohaus in Eching gestohlen worden war, übernommen, den er über die A92 nach Cham und von dort weiter nach Pilsen bringen sollte. In Straubing traf er sich dann auf dem Parkplatz eines Baumarktes mit einem „Kollegen“, der offensichtlich mit einem weiteren gestohlenen Pkw unterwegs war.

Dann kam „Kommissar“ Zufall ins Spiel, wie der Sachbearbeiter der Erdinger Kripo im Prozessverlauf berichtete: Eine Polizeistreife hatte sich zu einer „Zufallskontrolle“ entschlossen und die wurde dann zu einer filmreifen Verfolgungsjagd. Der Kfz-Mechaniker gab Vollgas und versuchte dann - teilweise mit Tempo 200 - dem ihn verfolgenden Polizeiauto zu entkommen. Bei Aiterhofen verlor er allerdings die Kontrolle über den Insignia und landete in einem Feld.

Er flüchtete zwar noch in ein Anwesen und versteckte sich dort in einem Keller, allerdings konnten ihn die Polizeibeamten anhand verräterischer Fußspuren leicht aufspüren. Bei den folgenden Ermittlungen durch die Erdinger Kripo, der Vorsitzender Richter Reiter Lob und Anerkennung zollte, konnte dem Kfz-Mechaniker die Beteiligung an sechs weiteren Opel-Diebstählen u.a. in Rheinland-Pfalz und der Oberpfalz, bei denen die in Autohäusern nachgewiesen werden.

Die zwischen Mai 2015 und August 2016 gestohlenen Gebrauchtwagen - in der Regel zwei Insignia, Astra oder Zafira aus einem Autohaus - wurden danach meist in nahe gelegenen Wäldern „ausgeschlachtet“. Allerdings ging der 28-Jährige dabei zu sorglos vor, er hinterließ DNA beispielsweise im Motorraum oder wie in einem Fall an einem Kaugummi, den er im Fahrzeug entsorgte. Insgesamt, so die Anklage, hatten die gestohlenen Autos einen Zeitwert von rund 250.000 Euro.

Zum Prozessauftakt kam es auf Initiative der Verteidiger zu Verständigungsgesprächen, in deren Verlauf man sich für die sieben besonders schweren Fälle des Diebstahls in Mittäterschaft auf ein Strafmaß im Bereich von etwa dreieinhalb Jahren einigte. Voraussetzung: Ein umfassendes Geständnis des Angeklagten, ohne das, so Vorsitzender Richter Ralph Reiter, auch ein Strafmaß von sechs Jahren aufwärts infrage komme.

Das geforderte Geständnis lieferten dann die Verteidiger: Ihr Mandant räume die Anklagevorwürfe vollumfänglich ein. Der Vorgabe der Kammer allerdings, dass vor allem auch die Hintermänner benannt werden sollten, kam 28-Jährige nur bedingt nach: Er habe seinen zuletzt ausgeübten Job als Lkw-Fahrer verloren und sich in einer finanziell äußert prekären Situation befunden, als er an seinem Wohnort Kielce einen „Lucas“ kennengelernt und der ihn „zum Mitmachen“ überredet habe. Die Werkzeuge habe alles „Lucas“ zur Verfügung gestellt, im Vorfeld auch die entsprechenden Autohäuser ausgekundschaftet.

Er selbst, so räumte der Angeklagte ein, habe Schmiere gestanden und geöffnet habe die Pkw „Lucas“ und von dem habe er dann auch die zum Starten notwendigen manipulierten Schlüssel bekommen. In den meisten Fällen sei man dann in einen Wald gefahren, wo sie dann „ausgeschlachtet“ wurden: „Von mir, als Kfz-Mechaniker habe ich mich ja ausgekannt.“ Dass er den in Eching gestohlenen Wagen selbst nach Pilsen bringen sollte, sei die Ausnahme gewesen. Er bedauere seine kriminellen Handlungen, sei aber damals in wirtschaftlicher Not gewesen. Für jeden der ihm zur Last gelegten Coups habe er 500 Euro erhalten. Dann bedauerte sich der 28-Jährige noch selbst: Er sitze jetzt bereits ein Jahr in U-Haft, habe in dieser Zeit keinen Kontakt zu seiner Frau und seinem Kind gehabt.

Wie der Sachbearbeiter der Erdinger Kripo berichtete, habe vor allem der DNA-Abgleich nach dem Straubinger Aufgriff zu den weiteren Aufgriffen geführt. Die Autotüren seien mit dem landläufig als „Polenschlüssel“ bekannten Werkzeug geöffnet, über den Diagnosestecker die Daten der echten Schlüssel dann gelöscht und die neuen (Blanko-) Schlüssel „angelernt“ worden. Die ausgeschlachteten Fahrzeuge, so der Kripo-Beamte, hätten letztlich nur noch Schrottwert gehabt. Allein in Bayern, so der Kripobeamte, seien im Tatzeitraum zwölf Fälle nach diesem Muster bekannt geworden.

Der Prozess wird fortgesetzt.


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