10.03.2016, 10:37 Uhr

Zoll und Polizei ausgetrickst Sicherheitsdienst-Mitarbeiter half der Drogen-Mafia

Foto: Jürgen UnterhauserFoto: Jürgen Unterhauser

Ein Mitarbeiter des Airport-Sicherheitsdienstes half der nigerianischen Drogen-Mafia, Zoll- und Polizeikontrollen zu umgehen. Nun stand er vor Gericht

FLUGHAFEN MÜNCHEN / LANDSHUT Staatsanwalt Thomas Rauscher sprach von „Verunsicherung” und Vorsitzender Richter Ralph Reiter „wollte nicht daran denken, was man alles anstellen könnte: Im Prozess vor der 6. Strafkammer des Landgerichts ging es um einen Drogenschmuggel, bei dem der deutsch-nigerianische Flughafen-Sicherheitsdienstmitarbeiter (45), der zeitweise in Landshut lebte, direkt an der Maschinentüre den Rucksack mit über 800 Gramm Kokain von einem spanischen Drogenkurier in Empfang nahm.

Laut Anklage hatte sich der am Flughafen als Sicherheitskraft tätige Nigerianer mit deutschem Pass im Jahr 2012 von der Nigeria-Drogenconnection, die damals mehrfach mit schwunghaftem Kokain-Schmuggel von Brasilien nach England für Schlagzeilen sorgte, anheuern lassen.

Als dann am 22. Mai 2012 der  der inzwischen zu einer Freiheitsstrafe von knapp vier Jahren  verurteilte Spanier Fernandez R aus Sao Paulo kommend auf dem Münchner Flughafen landete, übernahm der Nigerianer praktisch am Ausstieg dessen Rucksack, in dem sich genau 836 Gramm Kokain befanden. Den  deponierte er dann im Umkleideraum in seinem Spind.

Der spanische Drogenkurier flog noch am selben Tag nach London und am nächsten Tag zurück nach München, von wo er gegen 20 Uhr erneut einen Flug in die britische Hauptstadt antrat. Diesmal allerdings mit dem Rucksack, dem ihm der Sicherheitsmitarbeiter im Gatebereich, also hinter der Sicherheitskontrolle, übergeben hatte. Mit der Aktion, für die der 45-Jährige Schwarzafrikaner eine Entlohnung von 2000 britischen Pfund erhalten habe, habe die nigerianische Drogen-Mafia die strengen Kontrollen, die sowohl in München als auch in London bei Passagieren aus Sao Paulo an der Tagesordnung seien, umgangen.  

Aufgeflogen war die Masche, als der Sicherheitsdienst-Mitarbeiter kurz darauf bei einer weiteren Schmuggelaktion nicht mehr mitmachte und der spanische Kurier, der durch seine Übernervosität auf der Suche eines Abnehmers für seine „heiße Fracht” nach dem Verlassen der Maschine in München  auffiel und festgenommen wurde. Er hatte insgesamt ein knappes Kilo Kokain im Gepäck und wurde später zu einer Freiheitsstrafe von knapp drei Jahren verurteilt.

Der Kurier packte über die Organisation und deren Struktur aus und quasi in einer „Kettenreaktion” wurde dann der Flughafen-Mitarbeiter nach der Sicherung von tausenden Wahllichtbildern als „Helfer” enttarnt. Der wiederum, so ein Beamter der Zollfahndung vor Gericht, habe seinen in England sitzenden Hintermann inzwischen benannt und identifiziert.  Allerdings sei die Zusammenarbeit mit den britischen Behörden alles andere zufriedenstellend: Der Nigerianer befinde sich nach wie vor auf freiem Fuß, es sei gegen ihn noch kein Verfahren eingeleitet.

Der Nigerianer, der im August letzten Jahres in England festgenommen wurde, bestätigte vor der 6. Strafkammer sein umfassendes Geständnis. Er habe, so berichtete er, in seiner Heimat nach seinem Studium der Agrarwissenschaften keine Arbeit bekommen und sei dann 2001 nach Deutschland als Asylbewerber nach Deutschland gegangen, habe 2004 eine Deutsche geheiratet und in Eching gewohnt. Sein Geld habe er  bis 2008 als Lagerarbeiter verdient, sei zwischendurch einige Monate in Italien gewesen und habe dann nach seiner Rückkehr nach entsprechenden Sicherheits-Überprüfungen den Job am Flughafen bekommen. Ab 2011 habe er - inzwischen geschieden  - in Landshut gelebt, bis er Ende 2012 nach England gezogen sei.

Während seines Italien-Aufenthalts habe er einen Landsmann kennen gelernt, mit dem er dann später über Facebook wieder Kontakt bekommen habe. „Da wollte ich nach London ziehen, er hat mir Hilfe bei der Wohnungs- und Arbeitssuche angeboten”, so der 45-Jährige. Bei den Gesprächen sei dann das Gespräch auch auf Drogen gekommen, auf die Leute, die sein Landsmann nach Brasilien schicke - und natürlich auf seinen Job, mit dem das Aufdeckungsrisiko erheblich gemindert werden könnte.

Er habe zwar Bedenken gehabt, so der Angeklagte, aber letztlich habe er sich quasi aus Dankbarkeit für die Hilfe, die ihm sein Landsmann angeboten habe, überreden lassen... Bei der zweiten Schmuggelaktion habe er dann allerdings nicht mehr mitgemacht: „Da habe ich ihm mitgeteilt, dass ich für das Vorfeld gesperrt bin.”

Staatsanwalt Rauscher zeigte sich in seinem Plädoyer „verunsichert, wie einfach man sich im sicherheitsrelevanten Bereich kriminell betätigen kann.” Das die Sicherheitskräfte eher schlecht bezahlt seien, sei zwar keine Entschuldigung für den 45-Jährigen, aber ein Anreiz. Für die unerlaubte Drogeneinfuhr und die Beihilfe zum unerlaubten Handeltreiben beantragte er eine Freiheitsstrafe von dreieinhalb Jahren. Strafmildernd, so der Anklagevertreter, wirke sich vor allem sein erheblicher Aufklärungsbeitrag auf, dass der Hintermann bisher nicht zur Rechenschaft gezogen werden konnte, sei nicht sein Verschulden. Zu seinen Lasten gehe allerdings, dass er eine Vertrauensstellung ausgenutzt habe.

Verteidiger Jörg Kaiser warf ebenfalls die erhebliche Aufklärungshilfe seines Mandanten in die Waagschale und hielt eine Freiheitsstrafe von drei Jahren für ausreichend. Der von ihm benannte Hintermann sei kein „kleiner Fisch”, sondern habe eine führende Position in der Organisation. Außerdem habe der 45-Jährige weniger aus Gewinnstreben, sondern aus Dankbarkeit für die Hilfe bei seiner Umsiedlung nach England gehandelt.

Die Kammer blieb dann auch beim verhängten Strafmaß bei drei Jahren, wertete das von Reue und Schuldeinsicht geprägte Geständnis und die geleistete Aufklärungshilfe strafmildernd. Dass die zwischenstaatliche Rechtshilfe noch nicht geklappt und es noch zu keiner Festnahme gekommen sei, könne man ihm nicht anlasten. Außerdem, so Vorsitzender Richter Ralph Reiter, sei es dem 45-Jährigen leicht gemacht worden: „Man möchte gar nicht daran denken, was ein böswilliger Mitarbeiter, der bis zum Eingang des Fliegers kommt, alles anstellen könnte.” Allerdings, so der Vorsitzende Richter, sei auch klar, dass die Beschäftigten nicht wöchentlich überprüft werden und deshalb die Sicherheitsmaßnahmen nicht lückenlos sein könnten.


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