23.01.2018, 15:30 Uhr

Pilstinger vor Gericht Senioren-Rosenkrieg endet fast tödlich

Josef W. mit seinem Verteidiger Michael Haizmann). (Foto: Schöttl)Josef W. mit seinem Verteidiger Michael Haizmann). (Foto: Schöttl)

Pilstinger Rentner Josef W. (80) bestreitet vor der Landshuter Schwurgerichtskammer den vorgeworfenen versuchten Mord

PILSTING Pilsting/Landshut. Seine Ex-Ehefrau (69) soll der heute 80-jährige Rentner Josef W. aus Pilsting mit einem Messer und mit den Fäusten sowie Fußtritten so schwer verletzt haben, dass sie für den Rest ihres Lebens ein Intensivpflegefall bleiben wird, weder sprechen noch sich bewegen kann. Vor der Schwurgerichtskammer des Landshuter Landgerichts, wo sich der 80-Jährige wegen versuchten Mordes zu verantworten hat, bestritt er den Gewaltexzess nachdrücklich, brachte zwei Männer „aus dem Rotlichtmilieu“ als mögliche Täter ins Gespräch.

Laut der von Staatsanwältin Sigrid Kolano vertretenen Anklage lebte der Angeklagte auch noch nach der Scheidung mit seiner Exfrau und seiner Tochter (41) im gemeinsamen Wohnanwesen in Pilsting- er im Kellergeschoss. Das Verhältnis zur 69-jährigen sei aber seit Jahren extrem zerrüttet und von verbalen sowie körperlichen Übergriffen des Rentners geprägt gewesen, er sei deshalb auch 2016 wegen Körperverletzung und Beleidigung zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

Zur Eskalation sei es dann gekommen, als am 7. März vergangenen Jahres auf Betreiben der Ex-Frau der Pkw des Rentners wegen einer Schmerzensgeldforderung. Als sie am nächsten Abend gegen 19.30 Uhr von der Arbeit nach Hause kam, sei bei völliger Dunkelheit und völlig überraschend der Ex-Ehemann - bewaffnet mit einem ca. 40 Zentimeter langen Küchenmesser mit einer Klingenlänge von 25 Zentimetern - in der Nähe der Terrasse vor ihr aufgetaucht und habe unvermittelt auf die Arg- und Wehrlose eingestochen und sie mit Fäusten und Fußtritten traktiert.

Danach habe sich das Kampfgeschehen in Richtung der Doppelgarage verlagert, wo die 60-Jährige auf dem gepflasterten Gartenweg zu Boden gegangen sei. Dort habe der 80-Jährige dann mit mehreren Stampftritten auf deren Kopf und Körper eingetreten. Erst als die Ex-Ehefrau bereits blutüberströmt reglos auf dem Boden lag, habe der Rentner von ihr abgelassen. Dabei sei er davon ausgegangen, dass sie bereits tot sei bzw. zeitnah versterben werde.

Erst gegen 21 Uhr habe die Tochter ihre Mutter in einer Blutlache vor der Garage liegend aufgefunden. Sie sei dann durch den alarmierten Rettungsdienst ins DonauIsar-Klinikum Deggendorf eingeliefert worden.

Dort wurden u.a. aufgrund von mehrfachen komplexen Frakturen im Kopf- und Gesichtsbereich, darunter eine Schädelbasisfraktur, ein schweres Schädelhirntrauma mit Hirnblutungen diagnostiziert, dazu Schnitt-,

Quetsch- und Risswunden sowie zahlreiche Hämatome.

Überlebt habe die 69-Jährige nur durch die ärztliche Kunst: Nach zwei komplizierten Operationen zur Dekompression des Kleinhirns habe noch tagelang eine akut lebensgefährliche Situation bestanden. Trotz intensiver medizinischer Betreuung könne sie bislang weder sprechen noch sich bewegen, ernährt werden müsse sie durch eine Magensonde, die Sauerstoffversorgung erfolge per Trachealkanüle. Auf versuchten (Heimtück-)Mord in Tateinheit mit gefährlicher und schwerer Körperverletzung lautet die Anklage. Der Rentner habe wegen der bevorstehenden Pfändung seines Pkw, von der er im Rahmen eines Streitgesprächs am 7. März erfahren habe, beschlossen, seine Ex-Ehefrau zu töten und so dem jahrelang schwelenden Rosenkrieg ein Ende zu bereiten. Dies bestritt der rüstige 80-Jährige allerdings zum Prozessauftakt nachdrücklich. Er sei am Tatabend nämlich vor dem Fernseher eingeschlafen und erst gegen 21 Uhr durch Schreie aufgeweckt worden. Als er dann vor das Haus gegangen sei, habe ihn seine Tochter gleich angeschrien: „Du warst es, Du Drecksack.“ Er habe nicht gewusst, was sie wollte. Dann habe er eine verletzte Person auf dem Boden liegen sehen, erst als er sie umdrehen wollte, habe er bemerkt, dass es seine Ex war: „Sie hat gestöhnt.“

Er selbst habe dann den Notruf gewählt, danach die Katzen gefüttert und als er sich die Hände waschen wollte, seien schon die Polizeibeamten da gewesen, hätten ihn mit einer Waffe bedroht und festgenommen. „Ich habe nichts gemacht, das ist für mich unerträglich“, so der 80-Jährige mit erstickter Stimme. Und einen Verdacht hatte er auch: Seine Frau, die früher einmal als Zuhälterin aktiv gewesen sei, habe in letzter Zeit immer wieder Besuch von zwei Männern - offenbar aus dem Rotlichtmilieu - bekommen. Die seien auch an besagtem Abend neben seiner Tochter aufgetaucht... Zuvor hatte der Rentner über zwei Stunden lang, wortreich und detailliert sein Leben geschildert, das - wenn seine Angaben stimmten - filmreif wäre. So etwa seine Kindheit im Internat der Regensburger Domspatzen, wo der damalige Kardinal Faulhaber sein „väterlicher Freund“ gewesen sei. Damit nicht genug der Prominenz: Auch mit dem einstigen Bundeskanzler Adenauer habe er „parliert“ und als Sparringspartner habe er dem ehemals gefeierten deutschen Box-Europameister „Bubi“ Scholz einen K.o. verpasst.

Auch beruflich habe er nach dem Abitur und dem Volkswirtschaftsstudium eine steile Karriere gemacht: Zunächst im Möbelhandel, dann habe er Nobel-Diskos von Paris über Düsseldorf bis Freyung betrieben und wieder verkauft. Das Luxusleben sei dann1987 jäh zu Ende gewesen: Da habe er mit seinem Pkw einen schweren Unfall gehabt, sei lange Zeit im Koma gelegen. Und seitdem liege seine „Lebensqualität“ bei weniger als zehn Prozent.

Nicht er habe seine Frau kennen gelernt, sondern sie ihn, als er Anfang der 70-er Jahre in das Haus ihrer Familie Möbel lieferte: „Von da an ist sie mehr jeden Tag und überall begegnet.“ 1976 habe man geheiratet und 2001 das Anwesen in Pilsting gebaut. Bis dahin sei die Ehe „eigentlich glücklich“ gewesen, die Tochter, für die er inzwischen allerdings die Vaterschaft anzweifle, quasi ein „Engel“. Ab 2010, als er eine Erbschaft gemacht habe, sei es zum Streit ums Geld gekommen, nicht zuletzt, weil die Tochter sehr „kostspielig“ gewesen sei.

Nach der Scheidung habe sich die Situation - obwohl er ein friedliebender Mensch und ihm eigentlich ein pazifistisches Wesen inne sei - „verhärtet“, vor allem, als ihm sein Auto (vermutlich von der Familie) gestohlen und verkauft worden sei. Danach habe man ihm noch sein Wohneigentum im Kellergeschoss abkaufen wollen, allerdings für 60.000 Euro bei einem tatsächlichen Wert von 300.000 Euro. Von da an sei er immer wieder angezeigt worden, wegen angeblicher Trunkenheitsfahrten, Diebstahl, Morddrohungen und zuletzt sogar zu Unrecht wegen Körperverletzung verurteilt worden.

Der Prozess, für den noch vier Verhandlungstage angesetzt sind, wird am 6. Februar fortgesetzt.


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