02.01.2021, 19:32 Uhr

Berlin (AFP) Impfstrategie der Bundesregierung erntet harsche Kritik

Bericht: Mehrere Länder plädieren für Verlängerung des Lockdowns bis Ende Januar

Das Vorgehen der Bundesregierung bei der Beschaffung und Verteilung des Corona-Impfstoffes stößt auf wachsende Kritik. "Ich halte die derzeitige Situation für grobes Versagen der Verantwortlichen", sagte die Neurologin Frauke Zipp, Mitglied der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina, der "Welt" vom Samstag. Politiker aus Opposition und SPD äußerten sich ebenfalls unzufrieden. Derweil zeichnet sich eine Verlängerung des Lockdowns über den 10. Januar ab.

Die Corona-Impfungen hatten in Deutschland am 27. Dezember offiziell begonnen. Nach jüngsten Abgaben des Robert Koch-Instituts (RKI) wurden inzwischen 188.553 Menschen einmal geimpft. Für den vollen Schutz sind zwei Impfungen nötig.

"Warum hat man im Sommer nicht viel mehr Impfstoff auf Risiko bestellt?", fragte Zipp in der "Welt". Mit genügend Impfstoff könnten 60 Prozent der Bevölkerung in zwei bis drei Monaten immunisiert werden, sagte die Direktorin der Klinik und Poliklinik für Neurologie an der Universität Mainz.

FDP-Generalsekretär Volker Wissing sagte der Zeitung, am Beispiel Israels und anderer Länder zeige sich, "dass es möglich ist, schneller zu impfen". Die Bundesregierung muss sehr gut erklären, warum das in Deutschland so schleppend läuft." Auch Linken-Chef Bernd Riexinger zeigte sich "schon ein wenig verwundert, wie wenig Impfdosen die EU bestellt hat".

Grünen-Gesundheitsexpertin Kordula Schulz-Asche sagte der "Welt", es wäre aus heutiger Sicht besser gewesen , "mehr und verschiedene Impfstoffe" auf Risiko zu bestellen. Allerdings verwies sie darauf, dass sich im Sommer auch das Biontech-Vakzin noch in den Testphase befunden habe.

Der AfD-Forschungspolitiker Götz Frömming erklärte in Berlin, "das zögerliche Handeln der Bundesregierung führt nun dazu, dass Deutschland später wieder zur Normalität zurückkehren wird als andere Länder".

Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach sagte der "Rheinischen Post", offenbar habe die Regierung zu sehr auf spätere und vielleicht preiswertere Impfstoffe gehofft. Er forderte eine schnelle Zulassung des Impfstoffs von AstraZeneca - notfalls im deutschen Alleingang.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) wies die Kritik zurück. "Es läuft genauso, wie es geplant war", sagte Spahn am Samstag in der Nachrichtensendung "RTL Aktuell". 1,3 Millionen Dosen des Biontech-Pfizer-Impfstoffs seien bis Ende 2020 an die Bundesländer ausgeliefert worden. Bis Ende Januar werde sich diese Zahl auf insgesamt vier Millionen erhöhen.

Das seien genau die Mengen, die er seit Wochen angekündigt habe, "mit dem Hinweis, dass es am Anfang knapp sein würde und wir deshalb priorisieren müssen". Spahn verwies zudem auf Pläne, schon im Februar in Marburg eine zusätzliche Produktionsstätte für den Impfstoff von Biontech und Pfizer zu schaffen.

In der Debatte über eine Verlängerung des bundesweiten Lockdowns sprach sich Spahn für eine Beibehaltung der Maßnahmen über den 10.Januar hinaus aus. Auch die Bundesländer wollen einem Bericht zufolge daran festhalten. Uneinigkeit herrsche aber darüber, ob bei den Bund-Länder-Beratungen am Dienstag zunächst eine zwei- oder dreiwöchige Verlängerung des Lockdowns beschlossen werden sollte, berichtete die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" (FAS) unter Berufung auf eine Telefonschalte der Chefs der Staatskanzleien.

Fachleute rechnen indes nicht mit einer schnellen Entspannung der Lage. "Bei allem Optimismus muss uns klar sein, dass durch die Impfung zumindest in den ersten drei Monaten des neuen Jahres kaum Entlastung für das Infektionsgeschehen zu erwarten ist", sagte die Vorsitzende der Ärztegewerkschaft Marburger Bund, Susanne Johna, den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Sie forderte ebenfalls eine Verlängerung des harten Lockdowns.

Ähnlich äußerte sich der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Uwe Janssens. Es sollten "bis zu einem Inzidenzwert von unter 25 Neuinfektionen je 100.000 Einwohner und Woche keine Lockerungen in Aussicht" gestellt werden, sagte er der "Rheinischen Post".

Nach Angaben des RKI vom Samstag liegt die Sieben-Tage-Inzidenz im deutschlandweiten Durchschnitt derzeit bei 141,2. Am Vortag wurden demnach 12.690 Neuinfektionen gemeldet sowie 336 Corona-Todesfälle.


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