11.12.2020, 17:54 Uhr

Washington (AFP) USA: "Glaubwürdige Berichte" über Einmarsch Eritreas in Tigray

US-Außenministerium zeigt sich besorgt über Lage in äthiopischer Krisenregion

Truppen Eritreas sind nach Angaben der US-Regierung offenbar in die Krisenregion Tigray im Norden Äthiopiens einmarschiert. Ein Sprecher des US-Außenministeriums erklärte am Freitag, es lägen "glaubwürdige Berichte" über einen eritreischen Militäreinsatz in Tigray vor. Dies sei eine "besorgniserregende Entwicklung". Die Soldaten müssten "umgehend abgezogen" werden.

Im Zuge des militärischen Konflikts zwischen der abtrünnigen Region Tigray und der äthiopischen Zentralregierung waren wiederholt Raketen auf das benachbarte Eritrea abgefeuert worden. Es wurde vermutet, dass die bislang in Tigray regierende Volksbefreiungsfront TPLF hinter diesen Angriffen stand. Es könnte sich um einen Versuch handeln, Eritrea in den Konflikt um Tigray hineinzuziehen.

Der äthiopische Regierungschef Abiy Ahmed hatte Anfang November Truppen in die abtrünnige Region entsandt. Ende November verkündete er die Einnahme der Regionalhauptstadt Mekele. Die TPLF kündigte jedoch an, sie werde den Kampf fortsetzen.

Die TPLF dominierte drei Jahrzehnte lang die Politik des ostafrikanischen Landes und führte zwischen 1998 und 2000 einen blutigen Krieg mit Eritrea mit zehntausenden Toten. 2018 kam Abiy an die Macht und wurde im Jahr darauf für seine Bemühungen um eine Annäherung an Eritrea mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet.

Bei den jüngsten Kämpfen in Äthiopien sind nach Schätzungen der auf Konflikte spezialisierten International Crisis Group (ICG) bisher mehrere tausend Menschen getötet worden. Fast 50.000 flüchteten demnach in den Sudan. Schon vor Beginn der Kämpfe waren in Tigray laut UNO rund 600.000 Menschen von der Lebensmittelversorgung über Hilfslieferungen abhängig.

Das UN-Büro für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) teilte am Freitag mit, die Lebensmittelrationen für die Vertriebenen in Tigray seien inzwischen ausgegangen und die Menschen hätten noch immer keinen Zugang zu Hilfe.

Die UNO und Hilfsorganisationen fordern mit Nachdruck humanitären Zugang zu der abgeschnittenen Region. Ein entsprechendes Abkommen vergangene Woche scheiterte jedoch. Die äthiopische Regierung lehnt es ab, dass Außenstehende eine führende Rolle bei der Bereitstellung humanitärer Hilfe spielen.

Seine Regierung trage die Verantwortung dafür, welche Hilfslieferungen wohin kämen, erklärte Abiy am Freitag. Berichte, wonach seine Regierung sich nicht für die Lieferung von Hilfsgütern einsetze, seien Teil einer "Fehlinformationskampagne".

Am Mittwoch hatten sich die UNO und Äthiopien auf gemeinsame Einsätze geeinigt, um die humanitären Bedürfnisse der Menschen im Norden des Landes beurteilen zu können.

Die Lage in der Region ist äußerst angespannt. Am Sonntag war ein UN-Team von äthiopischen Streitkräften beschossen und kurzzeitig festgenommen worden, wie ein äthiopischer Regierungssprecher bestätigte. Die UN-Kräfte hätten zwei Kontrollpunkte durchbrochen und seien in Gebiete gefahren, die sie nicht betreten durften.

Der Dänische Flüchtlingsrat bestätigte am Freitag den Tod von drei seiner Sicherheitskräfte im vergangenen Monat. Auch ein Mitarbeiter des Internationalen Rettungskomitees (IRC) wurde in der Krisenregion getötet.

Nach Angaben der UNO und von Hilfsorganisationen dauern die Kämpfe in Tigray noch immer an. Abiy wies diese Berichte als "unwahr" zurück. "Sporadische Schusswechsel" mit den verbliebenen, sich zurückziehenden TPLF-Kämpfern dürften "nicht als aktiver Konflikt missverstanden werden".

Informationen über mögliche Kämpfe und die humanitäre Lage in Tigray können wegen einer von der Regierung verhängten Nachrichtensperre und strengen Zugangsbeschränkungen von unabhängiger Seite nicht überprüft werden.


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