07.10.2020, 11:03 Uhr

Berlin (AFP) Prozess um mutmaßlichen russischen Auftragsmord in Berlin begonnen

Bundesanwaltschaft: Staatliche Stellen wollten mit Georgier Gegner liquidieren

Vor dem Berliner Kammergericht hat am Mittwoch der Prozess um den mutmaßlichen russischen Auftragsmord im Kleinen Tiergarten begonnen. Laut Anklage der Bundesanwaltschaft sollen staatliche russische Stellen dem Russen Vadim K. den Auftrag erteilt haben, den Georgier Tornike K. zu töten. Hintergrund der Tat am 23. August 2019 soll die mutmaßliche Gegnerschaft des tschetschenischstämmigen Opfers unter anderem zum russischen Zentralstaat gewesen sein.

Zum Auftakt wurde die Anklage der Bundesanwaltschaft verlesen. Der Angeklagte soll zu einem unbekannten Zeitpunkt vor dem 18. Juli 2019 den Auftrag erhalten haben, den Georgier zu "liquidieren". Dieser soll im zweiten Tschetschenienkrieg in den Jahren 2000 bis 2004 als Anführer einer tschetschenischen Miliz gegen Russland gekämpft haben. Demnach stufte der russische Inlandsgeheimdienst FSB das spätere Opfer als Terroristen ein.

Der mutmaßliche Auftragsmörder Vadim K. soll am 17. August 2019 zunächst von Moskau nach Paris und später nach Warschau gekommen sein, von wo aus er nach Berlin gereist sein soll. Um in den Schengenraum zu kommen, soll er einen auf den Aliasnamen Vadim S. ausgestellten Reisepass benutzt haben.

Am Mittag des Tattags soll er sich dem laut Bundesanwaltschaft "ahnungslosen" Tornike K. dann im Kleinen Tiergarten im Stadtteil Moabit auf einem Fahrrad von hinten genähert haben. Die Ermittler werfen Vadim K. vor, mit einer Glock 26 zunächst seitlich auf den Oberkörper des Georgiers geschossen zu haben, woraufhin dieser zu Boden fiel.

Zwar sei auch der Angeklagte mit dem Fahrrad hingefallen. Er soll aber unmittelbar darauf zu Tornike K. gegangen sein und zwei Schüsse auf dessen Kopf abgefeuert haben. Der Mann starb noch vor Ort.

Vadim K. soll nach der Tat geflohen sein und das Fahrrad sowie weitere Gegenstände in die Spree geworfen haben. Laut Anklage versuchte er dann, seine Flucht mit einem in der Nähe bereitgestellten Elektroroller fortzusetzen. Zuvor nahmen ihn jedoch Polizisten fest, die von Zeugen alarmiert worden waren.

Aus Sicht der Bundesanwaltschaft leistete Vadim K. dem Tötungsauftrag Folge, entweder um dafür bezahlt zu werden oder weil er das Motiv seiner Auftraggeber teilte, mit K. "einen politischen Gegner zu liquidieren", um Vergeltung zu üben. Entweder soll er den mutmaßlichen Mord also aus Habgier oder aus niederen Beweggründen begangen haben.

Die Verteidigung des Angeklagten gab an, er werde sich zunächst nicht zu den Vorwürfen äußern. Sie verlas jedoch zu seinen Personalien eine Erklärung: Der Angeklagte selbst gibt demnach an, bei ihm handle es sich nicht um den 55-jährigen Vadim K., sondern um den 50-jährigen Vadim S. - ein Vadim K. sei ihm nicht bekannt.

Der Richter kündigte an, er werde den Tatverdächtigen im Verlauf des Prozesses nach Möglichkeit nicht mit Namen ansprechen, sondern lediglich mit "Herr Angeklagter".

Als Nebenkläger treten in dem Prozess zwei Geschwister des Opfers sowie fünf seiner Kinder und seine Ehefrau auf. Die Sicherheitsvorkehrungen zu Prozessbeginn waren hoch. Pressevertreter im Saal mussten jegliche Gegenstände bis auf Block und Stift draußen lassen.

Insgesamt waren wegen der Corona-Pandemie nur 15 Pressevertreter und 15 Zuschauer im Saal selbst zugelassen. Weitere 32 Journalisten konnten den Prozess durch eine Übertragung in einem anderen Raum verfolgen. Für den Prozess sind zunächst 25 Verhandlungstermine bis Ende Januar 2021 angesetzt.

Die Ermittlungen belasten das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland schwer. Bereits im Dezember 2019 wies die Bundesregierung als Reaktion auf die Tat zwei russische Diplomaten aus. Die russische Botschaft in Deutschland nannte die Vorwürfe der Bundesanwaltschaft im Juni "haltlos".


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