05.10.2020, 12:28 Uhr

Stepanakert (AFP) Armenien und Aserbaidschan werfen sich gezielte Angriffe auf Zivilisten vor

Explosion in Stepanakert.
Quelle: Armenian Government/AFP/Karo Sahakyan (Foto: Armenian Government/AFP/Karo Sahakyan)Explosion in Stepanakert. Quelle: Armenian Government/AFP/Karo Sahakyan (Foto: Armenian Government/AFP/Karo Sahakyan)

Nato-Generalskretär fordert Türkei zu mäßigendem Einfluss auf Aserbaidschan auf

Im Konflikt um Berg-Karabach werfen sich Armenien und Aserbaidschan gegenseitig gezielte Angriffe auf die Zivilbevölkerung vor. Der aserbaidschanische Präsidentschaftsberater Hikmet Hadschijew erklärte am Sonntagabend, armenische Streitkräfte hätten Raketenangriffe gegen "aserbaidschanische Zivilisten und zivile Infrastruktur" geflogen. Armeniens Regierung warf der aserbaidschanischen Armee vor, in Stepanakert und weiteren Städten "bewusst die Zivilbevölkerung anzugreifen". Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg rief die Türkei am Montag auf, ihren Einfluss auf Aserbaidschan zu nutzen.

Nach armenischen Angaben bombardierten aserbaidschanische Soldaten am Sonntag erneut die Hauptstadt der selbsternannten Republik Berg-Karabach, Stepanakert. AFP-Reporter berichteten von zahlreichen Explosionen und schwarzen Rauchwolken über der Stadt im Südkaukasus.

Der seit Freitag anhaltende Beschuss der Stadt, in der etwa 50.000 Menschen leben, wurde am Montag fortgesetzt. Viele Menschen dort flüchteten sich in Keller oder gleich in die Grenzstadt Goris, um von dort nach Armenien zu gelangen. Aus Stepanakert sowie der Stadt Schuscha wurden Tote und Verletzte gemeldet. Das Außenministerium der selbsternannten Regierung von Berg-Karabach veröffentlichte Videos, in denen schwer beschädigte Wohnblöcke zu sehen waren, und warf der aserbaidschanischen Armee vor, Streumunition verwendet zu haben.

Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium erklärte derweil, armenische Truppen hätten die zweitgrößte aserbaidschanische Stadt Gandscha bombardiert. Auf Videoaufnahmen waren zerstörte Häuser in der 330.000-Einwohner-Stadt zu sehen. Auch Angriffe auf die Städte Beylagan, Barda und Terter wurden gemeldet.

Hadschijew erklärte, armenische Streitkräfte hätten darüber hinaus die Industriestadt Mingetschawir und den rund 80 Kilometer von der Hauptstadt Baku entfernten Bezirk Abscheron angegriffen. "Barbarei und Vandalismus", kommentierte der Präsidentenberater das Vorgehen Armeniens im Onlinedienst Twitter. "Zeichen der Schwäche und Panik."

Eine Woche nach Beginn der heftigen Gefechte um die umstrittene Region Berg-Karabach ist der Tonfall zwischen den Konfliktparteien deutlich schärfer geworden. Internationale Aufrufe zur Deeskalation und Vermittlungsangebote blieben bislang erfolglos. Die De-facto-Regierung in Berg-Karabach drohte am Sonntag mit einer Ausweitung der militärischen Aktivitäten auf "das gesamte Staatsgebiet Aserbaidschans".

Aserbaidschans Staatschef Ilham Alijew forderte den Abzug aller armenischer Soldaten aus Berg-Karabach. "Wir werden sie jagen wie Hunde", drohte er.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) prangerte völkerrechtswidrige "wahllose und unverhältnismäßige Angriffe" auf Städte und Dörfer an, bei denen auch Schulen und Krankenhäuser beschädigt worden seien. Die Konfliktparteien müssten alles tun, um Zivilisten und zivile Infrastruktur zu schützen, forderte die in Genf ansässige Organisation am Sonntag.

Seit Beginn der heftigen Kämpfe vor einer Woche wurden mindestens 245 Menschen getötet, darunter 43 Zivilisten. Die Berichte über Opferzahlen sind allerdings unvollständig. Beide Konfliktparteien sprechen von tausenden getöteten Kämpfern auf Seiten des Gegners und reklamieren militärische Erfolge für sich.

Die ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan streiten seit Jahrzehnten um die Region Berg-Karabach, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird. Die selbsternannte Republik Berg-Karabach wird international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans.

Ein wichtiger Unterstützer Aserbaidschans ist die Türkei. Nato-Generalsekretär forderte das Land am Montag bei einem Besuch in Ankara auf, dass es seinen "Einfluss nutzt, um die Spannungen zu verringern".


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