04.10.2020, 11:52 Uhr

Stepanakert (AFP) Kämpfe um Berg-Karabach ausgeweitet - Stadt in Aserbaidschan unter Beschuss

Stromversorgung in Hauptstadt Stepanakert zusammengebrochen

Die Kämpfe zwischen Armenien und Aserbaidschan um die Kaukasusregion Berg-Karabach haben sich am Sonntag ausgeweitet. Nach Angaben aus Baku wurde erstmals Gandscha, die zweitgrößte Stadt Aserbaidschans, unter Beschuss genommen. Zugleich gab es erneut schwere Angriffe auf die Hauptstadt Berg-Karabachs, wo die Stromversorgung zusammenbrach und zahlreiche Zivilisten in Kellern Zuflucht suchten. Internationale Aufrufe zu einem Ende der Kämpfe blieben ungehört.

"Die aserbaidschanische Stadt Gandscha steht unter dem Beschuss armenischer Kräfte", teilte das aserbaidschanische Verteidigungsministerium im Kurzbotschaftendienst Twitter mit. Die Stadt liegt im Nordwesten Aserbaidschans und zählt rund 330.000 Einwohner. Ein Sprecher der Präsidentschaft der selbsternannten Republik Berg-Karabach erklärte, die Kämpfer Berg-Karabachs hätten in Gandscha einen Militärflughafen zerstört. "Das ist nur der erste", sagte der Sprecher.

Zugleich wurden am Sonntag auch neue Angriffe auf Stepanakert, die Hauptstadt Berg-Karabachs, gemeldet. Die Alarmsirenen heulten ohne Unterlass, während das Zentrum und die Vororte von Raketen getroffen wurden, wie AFP-Reporter berichteten. Im Nordosten der Stadt stieg eine schwarze Rauchsäule auf. Die Bewohner der Hauptstadt flüchteten sich in Keller und Unterstände; mehrere Familien suchten Schutz in der Krypta einer Kirche.

"Die aserbaidschanischen Streitkräfte suchen sich zivile Ziele aus", erklärte der Sprecher des armenischen Verteidigungsministeriums, Arztrun Owannissjan. Nach Angaben der Behörden von Berg-Karabach wurden bei den Angriffen auf die Hauptstadt Raketenwerfer der Typen Smertsch und Polonez eingesetzt.

Bereits am Freitag war Stepanakert angegriffen worden. Der Präsident der selbsternannten Republik, Araiyk Harutiunian, hatte daraufhin erklärt, im Gegenzug werde nun militärische Infrastruktur in den großen Städten Aserbaidschans angegriffen.

Am Sonntag erfolgte dann der Angriff auf Gandscha. Die Türkei, enger Verbündeter Aserbaidschans, verurteilte den Angriff und sprach von "Attacken Armeniens". Dies sei ein weiterer Beweis dafür, dass Armenien das Gesetz nicht anerkenne, hieß es in einer Erklärung des türkischen Außenministeriums.

Die Gefechte zwischen Armenien und Aserbaidschan um Berg-Karabach waren vor einer Woche neu entbrannt; es sind die heftigsten Kämpfe seit 1994. Berichte über Opferzahlen sind unvollständig, beide Konfliktparteien sprechen von tausenden getöteten Kämpfern auf Seiten des Gegners und reklamieren militärische Erfolge für sich.

Der aserbaidschanische Präsident Ilham Alijew erklärte am Samstag, nur ein Rückzug der armenischen Streitkräfte aus den "besetzten Gebieten" könne den Konflikt beenden. Der armenische Regierungschef Nikola Paschinjan sagte, sein Land stehe derzeit "vielleicht am entscheidendsten Moment seiner Geschichte".

Am Samstag telefonierte Paschinjan mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Die Kanzlerin äußerte sich nach Angaben der Bundesregierung besorgt und forderte abermals, "dass alle Seiten die Kampfhandlungen unverzüglich einstellen und Verhandlungen aufnehmen müssten".

Die ehemaligen Sowjetrepubliken Armenien und Aserbaidschan liefern sich seit Jahrzehnten einen erbitterten Streit um die Region im Südkaukasus, die mehrheitlich von Armeniern bewohnt wird. Die selbsternannte Republik Berg-Karabach wird international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans.

Russland gilt als Armeniens Schutzmacht und unterhält dort einen Militärstützpunkt. Zugleich pflegt Moskau gute Beziehungen auch zu Aserbaidschan und beliefert es mit Waffen.

Das ölreiche Aserbaidschan hat seine Armee in den vergangenen Jahren hochgerüstet und kann auf die Unterstützung der Türkei zählen. Experten sehen es als erwiesen an, dass Ankara das ebenfalls turksprachige Aserbaidschan in dem Konflikt mit Waffen unterstützt. Auch steht die Türkei in Verdacht, hunderte pro-türkische Kämpfer von Syrien in die Konfliktregion verlegt zu haben.


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