03.10.2020, 15:08 Uhr

Stepanakert (AFP) Erbitterte Kämpfe in Berg-Karabach trotz internationaler Appelle

Gebäude in Stepanakert wurden zerstört.
Quelle: AFP/- (Foto: AFP/-)Gebäude in Stepanakert wurden zerstört. Quelle: AFP/- (Foto: AFP/-)

Armenien meldet 51 Tote und spricht von entscheidenden Gefechten

Trotz internationaler Appelle zur Beendigung der Gewalt sind die erbitterten Kämpfe um die Kaukasusregion Berg-Karabach am Samstag fortgesetzt worden. Armenien meldete am siebten Tag des Konflikts den Tod von 51 weiteren pro-armenischen Kämpfern. Zuvor hatte die Regierung in Eriwan von "heftigen Gefechten" an der Frontlinie gesprochen. Die Truppen der überwiegend armenischen Region Berg-Karabach hätten einen "großangelegten Angriff" der aserbaidschanischen Armee gestoppt.

Eine Woche nach Ausbruch der schwersten Gefechte seit 1994 waren am Samstag erneut Schüsse und Explosionen in Stepanakert, der Hauptstadt der selbsternannten Republik Berg-Karabach, zu hören, wie Reporter der Nachrichtenagentur AFP berichteten. Berg-Karabachs Präsident Araik Harutjunjan sprach von einer "letzten Schlacht", die für die Region begonnen habe.

Harutjunjan kündigte sogar an, selbst gegen die aserbaidschanische Armee kämpfen zu wollen. "Die Nation und das Mutterland sind bedroht", sagte er vor Journalisten in Stepanakert. Gekleidet in einen Tarn-Anzug fügte er hinzu: "Die Zeit ist gekommen, dass die gesamte Nation zu einer mächtigen Armee wird. Dies ist unsere letzte Schlacht, die wir mit Sicherheit gewinnen werden."

Auch Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan betonte am Samstag die Bedeutung der aktuellen Kämpfe um Berg-Karabach. "Meine lieben Landsleute, Brüder und Schwestern, wir stehen vor dem vielleicht entscheidendsten Moment in unserer Geschichte", schrieb er am Samstag auf Facebook.

Am Freitag hatte die Armee Aserbaidschans durch schweres Artilleriefeuer mehrere Gebäude in Stepanakert zerstört. Viele Bewohner waren am Samstag noch damit beschäftigt, die Trümmer wegzuräumen. "Ich ging aus meinem Haus, fünf oder zehn Minuten später machte es Bumm, eine Explosion. Zum Glück war niemand mehr zu Hause", sagte der 65-jährige Nelson Adamian.

In der Nacht zu Samstag soll wiederum Armenien 19 aserbaidschanische Dörfer beschossen haben, die aserbaidschanischen Truppen würden mit einem "Gegenschlag" antworten und hätten gegnerische Positionen eingenommen, berichtete die aserbaidschanische Armee.

Seit Beginn der Kämpfe am vergangenen Sonntag gibt es bisher nur unvollständige Berichte über die Opferzahlen. Demnach starben bisher mindestens 242 Menschen in Berg-Karabach, darunter mehr als hundert pro-armenische Kämpfer sowie insgesamt über 30 Zivilisten auf beiden Seiten.

Die Angaben sind vermutlich aber viel zu niedrig; die Regierung in Baku meldet bisher keine Armeeopfer. Auch gab es Berichte über fast 30 Tote unter pro-türkischen Kämpfern aus Syrien, die offenbar an der Seite Aserbaidschans kämpfen.

Nach Angaben von Armenien starben seit Ausbruch des Konflikts mehr als 3000 aserbaidschanische Soldaten. Die Regierung in Baku behauptet wiederum, bisher mehr als 2300 armenische Soldaten getötet zu haben.

Das armenische Verteidigungsministerium teilte mit, dass die gegnerische Seite ihre Truppen verstärkt habe. Die armenischen Soldaten würden jedoch "heroischen Widerstand" leisten. Die armenischen Truppen seien an einer Stelle der Front zum "Gegenangriff" übergegangen.

Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew sagte in einem Interview mit dem Fernsehsender Al Jazeera, dass der Rückzug der armenischen Streitkräfte aus den "besetzten Gebieten" seines Landes eine "Vorbedingung" für einen Waffenstillstand sei. Der Konflikt um Berg-Karabach müsse jetzt gelöst werden. "Wir können nicht weitere 30 Jahre verstreichen lassen", sagte Alijew.

Nachdem in den vergangenen Tagen mehrere ausländische Staaten die Konfliktparteien zur Zurückhaltung aufgerufen hatten, warnte der Iran am Samstag davor, in sein Hoheitsgebiet einzudringen. "Jegliches Eindringen in das Gebiet unseres Landes durch eine der Konfliktparteien ist inakzeptabel", erklärte das iranischen Außenministerium.

Grund für die Warnung seien Mörsergranaten, die seit Montag in iranischen Dörfern entlang der Landesgrenze zu Berg-Karabach eingeschlagen seien, berichtete die staatliche Nachrichtenagentur Irna.

Berg-Karabach wird mehrheitlich von Armeniern bewohnt, welche die Region und angrenzende Gebiete unter ihrer Kontrolle haben. Die selbsternannte Republik Berg-Karabach wird international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans.


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