01.10.2020, 16:58 Uhr

Stepanakert (AFP) Trotz internationaler Appelle zur Deeskalation weiter Kämpfe um Berg-Karabach


Macron: Syrische Dschihadisten in umstrittener Kaukasusregion im Einsatz

Ungeachtet internationaler Aufrufe zur Zurückhaltung gehen die Kämpfe in der umstrittenen Kaukasusregion Berg-Karabach weiter. Am Donnerstag intensivierten sich die Gefechte sogar, wie es aus dem armenischen Verteidigungsministerium hieß. Russlands Staatschef Wladimir Putin, US-Präsident Donald Trump und Frankreichs Präsident Emmanuel Macron forderten die Konfliktparteienauf, die Kämpfe zu beenden. Nach Angaben von Macron sind in Berg-Karabach mittlerweile auch syrische Dschihadisten im Einsatz.

"Wir fordern eine sofortige Einstellung der Feindseligkeiten", forderten die Staatschefs der sogenannten Minsk-Gruppe der Organisation für Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa (OSZE) ineiner gemeinsamen Erklärung. Die Gruppe zur Entschärfung des Konflikts um Berg-Karabach wird seit 1992 von Russland, Frankreich und den USA geleitet.

Bisher deutet allerdings nichts auf eine Deeskalation hin. Aserbaidschans Präsident Ilham Alijew hatte vielmehr am Mittwoch angekündigt, die Kämpfe erst nach einem Abzug der armenischen Kämpfer aus dem Gebiet zu beenden. Armeniens Regierungschef Nikol Paschinjan schlug ein Vermittlungsangebot Russlands aus.

In der Kleinstadt Martuni, die rund 25 Kilometer von der Frontlinie entfernt ist, flüchteten die Bewohner am Donnerstag vor starkem Beschuss in ihre Keller. "Ich habe dieses Haus mit meinen eigenen Händen gebaut", sagte der 54-jährige Bauarbeiter Artak Alojan, der mit einem älteren Nachbarn in seinem Keller saß. "Ich werde nirgendwo hingehen. Ich werde hier in der letzten Schlacht sterben."

Zwei französische Journalisten, die Einwohner von Martuni befragten, wurden nach Angaben der armenischen Botschaft in Frankreich durch "aserbaidschanische Fliegerbomben" schwer verletzt. Der Reporter und der Fotograf der Zeitung "Le Monde" sollten nach Angaben von Präsident Macron ausgeflogen werden.

Zu den Opferzahlen gibt es bisher nur unvollständige Angaben. Auf armenischer Seite sollen seit Sonntag 104 Soldaten und acht Zivilisten getötet worden sein. Aserbaidschan schweigt über Opfer in seiner Armee und spricht lediglich von 19 getöteten Zivilisten.

Ein Sprecher des armenischen Verteidigungsministeriums erklärte, bei den neuen Gefechten seien etwa 350 aserbaidschanische Soldaten getötet worden. Außerdem seien 15 Panzerfahrzeuge und drei Hubschrauber der Gegenseite abgeschossen worden, von denen einer im Iran abgestürzt sei.

Das Verteidigungsministerium in Baku wies die Angaben über den Abschuss eines aserbaidschanischen Hubschraubers über dem Iran als "Lüge" zurück. Zum Kampfgeschehen hieß es, "dass armenische Truppen die ganze Nacht mit zerstörerischen Artillerieschüssen" angegriffen worden seien. Offenbar gelangen aber keiner der Konfliktparteien nennenswerte militärische Erfolge.

Nach Angaben von Macron sind in Berg-Karabach mittlerweile auch syrische Dschihadisten im Einsatz. Es handele sich um "syrische Kämpfer von Dschihadistengruppen", sagte Macron in Brüssel. Dies sei eine schwerwiegende neue Tatsache, "welche die Situation verändert".

Berg-Karabach liegt in Aserbaidschan, wird aber mehrheitlich von Armeniern bewohnt, welche die Region auch unter ihrer Kontrolle haben. Bis heute wird die selbsternannte Republik Berg-Karabach international nicht anerkannt und gilt völkerrechtlich als Teil Aserbaidschans.

Der Konflikt um Berg-Karabach dauert bereits seit Jahrzehnten an. Allerdings hatte in den vergangenen Jahren in dem Gebiet relative Ruhe geherrscht, bis dann am Sonntag neue Kämpfe aufflammten.

Bei dem Konflikt spielt auch die Konkurrenz zwischen Russland und der Türkei um Einfluss in der Kaukasusregion eine wichtige Rolle. Das ölreiche Aserbaidschan hat seine Armee in den vergangenen Jahren hochgerüstet und kann auf die Unterstützung der Türkei zählen. Russland gilt historisch als Armeniens Schutzmacht und unterhält dort einen Militärstützpunkt. Zugleich pflegt Moskau gute Beziehungen zu Aserbaidschan und beliefert es mit Waffen.


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