28.09.2020, 13:20 Uhr

Berlin (AFP) Mögliche Regionen für Atommüll-Endlager in fast allen Bundesländern

Kundgebung von Atomkraft-Gegnern.
Quelle: AFP/Archiv/SEBASTIEN BOZON (Foto: AFP/Archiv/SEBASTIEN BOZON)Kundgebung von Atomkraft-Gegnern. Quelle: AFP/Archiv/SEBASTIEN BOZON (Foto: AFP/Archiv/SEBASTIEN BOZON)

Zwischenbericht identifiziert 90 Teilgebiete - Gorleben ist nicht dabei

Die ursprünglich "weiße Landkarte" wird bunt: Die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) hat mit ihrem Zwischenbericht Teilgebiete am Montag in Berlin eine erste Vorauswahl von Regionen vorgestellt, die für ein Endlager für hochradioaktiven Atommüll in Frage kommen. Nicht mehr dabei ist die umstrittene Standort-Option Gorleben, dafür aber Gebiete in fast allen Bundesländern, neben Norddeutschland auch in Bayern und Baden-Württemberg.

Insgesamt weist der Zwischenbericht 90 Teilgebiete aus, die 54 Prozent der Gesamtfläche Deutschlands umfassen. Davon betreffen 74 Teilgebiete Steinsalzformationen, neun Tongestein und sieben kristallines Gestein, insbesondere Granit, wie BGE-Geschäftsführer Steffen Kanitz in Berlin erläuterte. Die Anzahl der Gebiete sagt allerdings nichts über deren Flächenanteil aus, da es insbesondere bei den Ton- und Kristallinstrukturen häufig um große Regionen geht, bei Salz vielfach um eher kleinere.

"Ein Teilgebiet ist noch lange kein Endlagerstandort", betonte BGE-Ko-Geschäftsführer Stefan Studt. Er sprach von einem "ersten Schritt" auf "einem langen Weg". Schwerpunkte der Vorauswahl, die laut BGE rein wissenschaftsbasiert und ohne politische Einflussnahme erfolgte, sind flächenmäßig die norddeutschen Bundesländer sowie Sachsen, Thüringen, Bayern und Baden-Württemberg. Dazu kommen kleinere Gebiete in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen. Komplett außen vor ist nur das Saarland.

"Der Salzstock Gorleben ist nach Anwendung der geowissenschaftlichen Abwägungskriterien gemäß Paragraf 24 Standortauswahlgesetz kein Teilgebiet geworden", heißt es in dem BGE-Bericht. Er soll daher im weiteren Verfahren nicht mehr betrachtet werden. Kanitz begründetes dies mit einem mangelhaften Rückhaltevermögen des Salzstocks, hydrochemischen Faktoren sowie einem nicht intakten Deckgebirge.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kritisierte den Ausschluss des niedersächsischen Gorleben aus dem Verfahren als nicht schlüssig und befürchtete durch den Zwischenbericht "eine enorme Verunsicherung im Land". Söder widersprach aber Vorwürfen, sein Bundesland wolle sich der Verantwortung für die Endlagersuche entziehen.

Von "sichtbaren Fortschritten" bei der Endlagersuche sprach Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD). Angesichts der Kritik aus Bayern pochte sie auf den "strikt wissenschaftlichen" Charakter des Auswahlverfahrens. "In keinem Schritt dürfen politische Motive die Endlagersuche beeinflussen", stellte sie klar.

Grünen-Chef Robert Habeck warnte in Berlin davor, dass die gesamte Endlagersuche an der bayerischen Verweigerungshaltung scheitern könnte. Das Verhalten des Freistaats sei das "Gegenteil von nationaler Verantwortungsbereitschaft".

Atomkraftgegner und Umweltverbände begrüßten den Ausschluss des Salzstocks Gorleben. Damit werde ein "43 Jahre alter Fehler endlich geheilt", erklärte Jochen Stay von der Initiative "ausgestrahlt". Die Verbände mahnten aber mehr Transparenz für die Endlagersuche an und kritisierten, dass wichtige geologische Daten nicht öffentlich zugänglich sind. An der Müllproblematik zeige sich "der ganze Wahnsinn des Atomzeitalters", sagte der Vorsitzende der Bürgerinitiative Umweltschutz Lüchow-Dannenberg, Martin Donat.

Für den Zwischenbericht Teilgebiete untersuchte die BGE zunächst ausschließlich auf Grundlage vorliegender geologischer Daten mögliche Lagerstätten in den drei Wirtsgesteinen Salz, Ton und Kristallin. Zwingende Voraussetzungen sind ein 300 Meter starkes Deckgebirge sowie eine Mächtigkeit des Wirtsgesteins von mindestens 100 Metern.

Auf Grundlage des Zwischenberichts soll in den kommenden Jahren die Standortsuche weiter eingegrenzt werden. Bis 2031 soll das Auswahlverfahren abgeschlossen sein, die Standortentscheidung trifft letztlich der Bundestag.


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