17.09.2020, 13:02 Uhr

Bremerhaven (AFP) Meereisfläche in der Arktis schrumpft auf zweitgeringste Ausdehnung seit 1979

Forscher ermitteln messen Sommerminimum - Außerdem neue Studie zu Eisverlusten

Die Eisfläche auf den Meeren rund um den Nordpol ist in diesem Sommer auf die zweitgeringste Ausdehnung seit Beginn der Satellitenbeobachtung im Jahr 1979 geschrumpft. Sie belief sich Mitte September auf rund 3,8 Millionen Quadratkilometer, wie das Alfred-Wegener-Institut (AWI) am Donnerstag in Bremerhaven mitteilte. Es war erst das zweite Mal, dass ein Wert von unter vier Millionen Quadratkilometern gemessen wurde.

2012 war die Meereisausdehnung in der Arktis nach Angaben der Forscher sogar bis auf 3,27 Millionen Quadratkilometer gefallen und hatte den aktuellen Wert noch einmal um rund 500.0000 Quadratkilometer unterboten. Laut AWI sind die Gründe für den Rückgang in diesem Jahr "vielschichtig". Eine Rolle spielten unter anderem die besonders hohen Luft- und Wassertemperaturen, die 2020 in den Polarregionen der Nordhalbkugel vorherrschten.

Den Wissenschaftlern zufolge setzte sich im Mai und Juni etwa eine ausgedehnte Warmluftzelle an der sibirischen Küste fest, was die Lufttemperatur um bis zu sechs Grad Celsius über den Langzeitmittelwert ansteigen ließ. Auch die Wassertemperatur der Meere rund um den Nordpol war deutlich erhöht. All dies habe dem Eis zugesetzt und dieses großflächig schmelzen lassen.

Ein Faktor seien aber auch die Wellen- und Windverhältnisse vor der russischen Küste während des vergangenen Winters gewesen. So habe sich lediglich auffallend dünnes Eis neu gebildet, was im Frühjahr schnell gebrochen sei. Insgesamt sei der starke sommerliche Rückgang der Eisfläche für die wissenschaftlichen Beobachter somit keine Überraschung gewesen, betonte das AWI.

Die Experten des Instituts erstellen in jedem Jahr eine Bilanz der sommerlichen Eisschmelze in der Arktis, die bis September dauert. Sie stützen sich auf Satellitendaten. Ab September fallen die Temperaturen in der Region wieder unter null Grad.

Ebenfalls am Donnerstag veröffentlichten Experten, darunter Fachleute des AWI, darüber hinaus eine Vergleichsstudie zu den Auswirkungen der Festlands-Eisschmelze in Grönland und der Antarktis auf den Meeresspiegelanstieg. Bei gleichbleibender Erderwärmung könnte diese den Pegel bis zum Jahr 2100 demnach um bis zu 39 Zentimeter erhöhen, wie das AWI unter Berufung auf die Untersuchung erklärte, für die insgesamt 14 Forschergruppen aus aller Welt ihre Simulationsmodelle miteinander verglichen.

Lediglich Eismassenverluste auf den polaren Landmassen erhöhen den globalen Meeresspiegel, weil dadurch zusätzliches Wasser in gigantischen Mengen in die Ozeane fließt. Das Abschmelzen des Meereises hat dagegen keine Auswirkungen auf den Pegelstand.

Mit Blick auf Grönland kamen die Modelle zu einem einheitlichen Ergebnis. Sofern der Treibhausgasausstoß gleichbleibend hoch bleibt, tragen die abschmelzenden Gletscher neun zusätzliche Zentimeter zum Meeresspiegelanstieg bei. Mit Blick auf die Antarktis waren die Simulationen sich weit weniger einig.

Die Vorhersagen reichten von minus 7,8 Zentimeter bis plus 30 Zentimeter. Einige der getesteten Modelle gehen unter anderem davon aus, dass bei einer Erwärmung der Ostantarktis dort so viel Schnee fällt, dass dies den Beitrag der vor allem im Westen des Kontinents stark schmelzenden Eismassen ausgleicht.

Insgesamt betonen die Forscher in ihrer in der Fachzeitschrift "The Cryosphere" erschienenen Arbeit, dass sich die Bandbreite der Modellberechnungen seit früheren Vergleichen trotz weiter bestehender konzeptioneller Schwächen verkleinert habe. Das steigere das Vertrauen in deren Ergebnisse, betonte das AWI.

Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) wiesen auf das "erhebliche Risiko" von Meeresspiegelanstiegen durch ein Abschmelzen des antarktischen Eisschilds hin. Sie waren ebenfalls an der Vergleichsstudie beteiligt. Die dabei auftretende "Unsicherheit" dürfe "kein Grund zum Abwarten" sein, erklärten die Potsdamer Wissenschaftler am Donnerstag.


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