15.09.2020, 12:12 Uhr

Berlin (AFP) Merkel äußert sich beschämt über Erstarken des Antisemitismus

Rede bei Festakt zum 70-jährigen Bestehen des Zentralrats der Juden

Beim Festakt zum 70-jährigen Bestehen des Zentralrats der Juden hat sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zutiefst besorgt über ein Erstarken des Antisemitismus in Deutschland geäußert. "Es ist eine Schande und beschämt mich zutiefst, wie sich Rassismus und Antisemitismus in unserem Land in diesen Zeiten äußern", sagte sie am Dienstag in Berlin. Zentralratspräsident Josef Schuster äußerte ähnliche Sorgen: Er sprach davon, dass sich in die jüdische Gemeinschaft "ein Unbehagen eingeschlichen" habe.

"Rassismus und Antisemitismus waren nie verschwunden - doch seit geraumer Zeit treten sie sichtbarer und enthemmter auf", sagte Merkel bei dem Festakt in Berlins Neuer Synagoge. Sie verwies auf "Beleidigungen, Drohungen oder Verschwörungstheorien", die sich offen gegen jüdische Bürgerinnen und Bürger richteten. "In den sozialen Medien triefen viele Äußerungen geradezu vor Hass und Hetze", sagte sie - und mahnte: "Dazu dürfen wir niemals schweigen."

Merkel würdigte den Zentralrat als "bedeutende Stimme in unserem Land". Bei seiner Gründung vor 70 Jahren wäre es "völlig abwegig" erschienen, "darauf zu hoffen, dass Juden in Deutschland einen Neuanfang wagen". Sie sei "dankbar", dass es wieder jüdisches Leben in Deutschland gebe. Der Zentralrat habe sich "um unser Land verdient gemacht".

Zentralratspräsident Schuster sprach von dem "riesigen Vertrauensvorschuss", den es für Juden bedeutet habe, nach dem Holocaust in Deutschland zu bleiben oder sich dort anzusiedeln. "Das Vertrauen, das Juden in Deutschland gesetzt haben, wurde im Laufe der Jahrzehnte und auch heute immer wieder auch tief erschüttert", sagte er mit Verweis auf antisemitische Angriffe.

Trotz antisemitischer Gewalttaten wie dem Anschlag in Halle sei die jüdische Gemeinschaft "erneut bereit, Deutschland, unserem Zuhause, einen Vertrauensvorschuss zu geben", der hoffentlich nicht enttäuscht werde, betonte Schuster.

Schuster und Merkel äußerten sich beim Festakt anlässlich des 70-jährigen Bestehens des Zentralrats der Juden in Deutschland. Dieser wurde am 19. Juli 1950 in Frankfurt am Main gegründet. Damals lebten noch rund 15.000 Juden in Deutschland. Zu den Überlebenden des Holocaust kamen Juden, die aus ihrem Exil zurückkehrten.

Heute vertritt der Zentralrat 105 jüdische Gemeinden in Deutschland mit rund 100.000 Mitgliedern, die Verwaltung zog 1999 von Frankfurt am Main nach Berlin.

Grünen-Chef Robert Habeck forderte anlässlich des Festakts ein aktives Eintreten zum Schutz von Juden in Deutschland. Wenn Juden wieder über Auswanderung nachdächten, wenn es Angriffe auf Synagogen gebe, wenn Verschwörungstheoretiker wieder von "Weltverschwörung" redeten, "dann dürfte klar sein, dass alle Reden von Selbstverständlichkeit leer sind", erklärte Habeck. Das jüdische Leben müsse "mit einer wachen und wehrhaften Zivilgesellschaft und der Macht des Staates" geschützt werden.

Ähnlich äußerte sich der religionspolitische Sprecher der FDP-Bundestagsfraktion, Benjamin Strasser. "Es ist nicht hinnehmbar, dass Juden in Deutschland Angst um Leib und Leben haben müssen", erklärte er. "Es ist eine zentrale Aufgabe von Politik und Gesellschaft in Deutschland, jede Form von Antisemitismus konsequent zu bekämpfen."


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