14.09.2020, 09:29 Uhr

Berlin (AFP) Deutsche Industrie warnt vor milliardenschweren Folgen des Brexit-Streits

Autobranche fürchtet nach Corona erneut Absatzeinbruch

Die deutsche Industrie und die europäischen Automobilhersteller warnen vor milliardenschweren Folgen des Brexit-Streits für die Wirtschaft. Die europäischen Autohersteller befürchten nach Angaben vom Montag einen Einbruch des Handelsvolumens um 110 Milliarden Euro, wenn sich die EU und Großbritannien nicht fristgemäß bis zum Jahresende auf ein Handelsabkommen einigen. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) warnte zudem vor hohen Zöllen.

Die Autohersteller riefen die EU und Großbritannien auf, sich "ohne weitere Verzögerung" auf ein "ehrgeiziges Freihandelsabkommen" zu einigen. Ein "No Deal"-Szenario würde demnach "kombinierte Handelseinbußen der EU und des Vereinigten Königreichs von bis zu 110 Milliarden Euro bis 2025" bedeuten, hieß es in einer Erklärung von mehr als 20 Organisationen, die unter anderem der deutsche Verband der Autoindustrie und der europäische Herstellerdachverband Acea unterzeichnet haben. Die Einbußen kämen noch zu den 100 Milliarden Euro hinzu, die die Branche durch die Corona-Krise verzeichnet habe.

DIHK-Hauptgeschäftsführer Martin Wansleben erklärte, der Automobilbranche drohten ohne Handelsabkommen Zölle von mindestens zwei Milliarden Euro. Das Automobilgeschäft stelle den größten Anteil am Handelsvolumen zwischen Deutschland und Großbritannien dar. "Zusätzlich befürchten die Unternehmen abbrechende Lieferketten und lange Wartezeiten an den Grenzen, da es auf britischer Seite noch immer keine funktionierende Infrastruktur für die Zollabwicklung gibt."

Die Regierung des britischen Premierministers Boris Johnson hatte vor einigen Tagen überraschend angekündigt, einseitig den im Januar mit der EU verabschiedeten Brexit-Vertrag ändern zu wollen. Dabei geht es unter anderem um die Aussetzung von Zollregelungen im Warenhandel für die Provinz Nordirland. Über die Pläne wollte am Montag das Unterhaus in London beraten.

Optimistischer hatte sich am Freitag Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) nach einem Treffen mit seinen EU-Kollegen in Berlin geäußert. Er sagte, ein Scheitern der Post-Brexit-Verhandlungen würde vornehmlich der britischen Wirtschaft schaden.

Großbritannien war am 31. Januar aus der Europäischen Union ausgetreten. In einer Übergangsphase bis Jahresende sollen die künftigen Beziehungen geregelt werden. Ohne Handelsabkommen drohen Zoll- und andere Barrieren.

DIHK-Geschäftsführer Wansleben erklärte, bereits die Brexit-Unsicherheiten der Vergangenheit hätten "deutliche Spuren" in den Wirtschaftsbeziehungen hinterlassen. Seit dem Brexit-Referendum 2016 seien die deutschen Exporte nach Großbritannien merklich gesunken – von 89 Milliarden Euro im Jahr 2015 auf 79 Milliarden Euro 2019. Dadurch sei das Vereinigte Königreich von Rang drei auf Rang fünf der wichtigsten Exportmärkte Deutschlands abgerutscht.

Der Trend setze sich in diesem Jahr fort und werde durch die Corona-Krise noch zusätzlich verschärft. So seien die deutschen Exporte nach Großbritannien zwischen Januar und Juli um fast 22 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesunken.


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