12.09.2020, 13:26 Uhr

Insel Lesbos (AFP) Nach Brandkatastrophe im Flüchtlingslager Moria verschärft sich die Lage weiter

Proteste auf Lesbos
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Quelle: AFP/ANGELOS TZORTZINIS (Foto: AFP/ANGELOS TZORTZINIS)Proteste auf Lesbos . Quelle: AFP/ANGELOS TZORTZINIS (Foto: AFP/ANGELOS TZORTZINIS)

Polizei auf Lesbos setzt Tränengas gegen demonstrierende Migranten ein

Nach der Brandkatastrophe im Flüchtlingslager Moria verschärft sich die Lage auf der griechischen Insel Lesbos weiter. Die Polizei ging am Samstag mit Tränengas gegen Migranten vor, die wegen ihrer verzweifelten Lage demonstrierten und Polizisten mit Steinen bewarfen. UN-Generalsekretär António Guterres sowie die EU-Kommission und Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) riefen zu einer solidarischen europäischen Lösung auf.

"Nein zum Lager", riefen zahlreiche Flüchtlinge, wie eine Reporterin der Nachrichtenagentur AFP berichtete. Einige Demonstranten bewarfen die Polizei mit Steinen, die Beamten setzten daraufhin Tränengas ein. Einige Menschen wurden wegen Atemproblemen ins Krankenhaus gebracht. Der 21-jährige Afghane Mahdi Ahmadi sagte, er und andere Migranten wollten "nicht in ein abgeschlossenes Lager verlegt werden, in dem es weder Sicherheit noch Freiheit gibt".

Das Lager Moria war bei Bränden am Dienstag und Mittwoch fast völlig zerstört worden. Nach Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks (UNHCR) wurden 11.500 Menschen obdachlos, darunter 4000 Kinder.

Die griechische Regierung schickte Schiffe nach Lesbos, um vor allem Familien und besonders bedürftigen Menschen neue Schlafmöglichkeiten zu geben. Die griechische Armee begann mit der Errichtung eines Zeltlagers, wurde aber durch heftigen Proteste von Flüchtlingen und Einwohnern behindert. Einige Einwohner hielten die Bulldozer der Bautrupps mit Straßensperren auf.

Tausende Asylsuchende harren daher auch vier Tage nach der Katastrophe weiter im Freien aus. "Wir schlafen im Dreck oder auf der Straße", berichtete eine Gruppe ehemaliger Lagerbewohner auf Facebook. "Wir haben nichts, womit wir uns bedecken können, nicht einmal eine Jacke, die uns vor der nächtlichen Kälte und dem Wind schützt." Einige Flüchtige schliefen sogar unter den Bäumen des örtlichen Friedhofs.

Das griechische Einwanderungsministerium erklärte, insbesondere an Unterkünften für Flüchtlingsfamilien werde derzeit gearbeitet. Ihre Unterbringung in Sechs-Personen-Zelten "beginnt heute", sagte Ministeriumssprecher Alexandros Ragavas der Nachrichtenagentur AFP. Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch warnte am Samstag angesichts der chaotischen Lage vor "wachsenden Spannungen zwischen Anwohnern, Asylsuchenden und der Polizei".

Hinzu kommt, dass 27 der 35 Lagerbewohner mit nachgewiesener Coronavirus-Infektion nach Behördenangaben immer noch nicht gefunden wurden. Laut griechischer Nachrichtenagentur ANA wurden die Feuer am Dienstag nach Protesten einiger Bewohner des Lagers gelegt, die nach einem positiven Corona-Test unter Quarantäne gestellt werden sollten.

Viele der Flüchtlinge wollen nicht länger auf Lesbos bleiben, sondern vor allem nach Deutschland. Hier wird weiter über die Aufnahme von obdachlosen Flüchtlingen aus Moria diskutiert. Zur bisher geplanten Aufnahme von voraussichtlich etwa 150 unbegleiteten Minderjährigen sagte Vizekanzler Olaf Scholz (SPD) am Samstag, dies könne "nur ein erster Schritt sein". Angesichts der Not auf Lesbos seien die EU und auch Deutschland in der Pflicht, "in größerem Umfang weitere Flüchtlinge aufzunehmen".

UN-Generalsekretär Guterres sagte dem französischen Sender TV5Monde, in Moria habe sich eine "riesige Tragödie" ereignet. Die "einzige Lösung" sei aus seiner Sicht "die Verlegung von Flüchtlingen auf den Kontinent und ich hoffe, dass es europäische Solidarität gibt". Die deutsch-französische Initiative für die Aufnahme minderjähriger Flüchtlinge reiche nicht aus.

EU-Flüchtlingskommissarin Ylva Johansson rief die EU-Staaten ebenfalls zu schneller Hilfe auf. Sie begrüße "jeden öffentlichen Vertreter auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene, der daran arbeitet, die Solidarität, die Europa zusammenhält, greifbar und real zu machen", sagte Johansson den Zeitungen der Funke Mediengruppe mit Blick auf Aufnahmeangebote etwa von deutschen Kommunen und Bundesländern.


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