10.09.2020, 20:45 Uhr

Beirut (AFP) Großbrand am Hafen von Beirut wenige Wochen nach Explosionskatastrophe


Rotes Kreuz lagerte Lebensmittelvorräte in brennendem Lagerhaus

Ein Großbrand am Hafen von Beirut hat fünf Wochen nach der verheerenden Explosionskatastrophe Panik in der libanesischen Hauptstadt ausgelöst. Dichte Rauchwolken standen am Donnerstag über dem Gebiet, nachdem laut Armeeangaben ein Lagerhaus mit Ölbehältern und Autoreifen in Brand geraten war. Dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) zufolge befanden sich in dem brennenden Lagerhaus auch Lebensmittelvorräte der Hilfsorganisation.

Nach Armeeangaben kamen Löschhubschrauber zum Einsatz, dennoch war das Feuer bis zum Abend noch nicht gänzlich gelöscht. Zuvor hatte die Zivilschutzbehörde erklärt, dass das Löschen des Feuers wegen der Mischung aus brennendem Gummi und Öl noch dauern könne. "Entflammbare Materialien wie diese benötigen Zeit, um vollständig gelöscht zu werden", sagte Raymond Chattar, der Chef der Zivilschutzbehörde.

Die Behörden hatten die Anwohner aufgefordert, die umliegenden Viertel zu verlassen. Ein Mensch wurde mit Rauchvergiftung behandelt. Die Umweltorganisation Greenpeace warnte die Menschen in der Umgebung vor giftigem Rauch.

"Wir waren bei der Arbeit, als wir plötzlich angeschrieen wurden, dass wir verschwinden sollten", sagte Haitham, ein 33-jähriger Arbeiter eines Hafenunternehmens. "Es wurde geschweißt und dann brach ein Feuer aus." Daraufhin habe er alles fallengelassen und sei losgerannt.

Augenzeugen veröffentlichten Videos der Flammen im Internet. "Wahnsinns-Feuer am Hafen versetzt ganz Beirut in Panik. Wir bekommen einfach keine Atempause", schrieb die Forscherin Aya Majzoub von Human Rights Watch auf Twitter. "Wir können so viel Traumata einfach nicht vertragen", schrieb ein weiterer Nutzer. Viele Bewohner der Stadt stehen noch unter dem Eindruck der Explosionskatastrophe Anfang August, die weite Teile Beiruts verwüstete.

Der Kriminologe Omar Nashabe twitterte: "Wo leben wir eigentlich? Dies war vor einem Monat Schauplatz eines Verbrechens! Wo ist die Justiz? Wo ist der Staat? Wo ist die Verantwortung?"

Bei der Doppelexplosion im Hafen von Beirut waren am 4. August mehr als 190 Menschen getötet und über 6500 weitere verletzt worden. Die Explosion von rund 2750 Tonnen ungesichert gelagertem Ammoniumnitrat richtete massive Zerstörungen in der libanesischen Hauptstadt an, rund 300.000 Menschen wurden obdachlos. Bisher wurden 25 Menschen im Rahmen der Ermittlungen festgenommen.

Die Katastrophe hatte wütende Proteste ausgelöst als herauskam, dass die Behörden von dem riesigen Lager an hochexplosivem Ammoniumnitrat wussten und nicht eingegriffen hatten. Die Regierung trat inzwischen zurück.

Da sich in dem Lagerhaus "Tausende von Lebensmittelpaketen und eine halbe Million Liter Öl" befunden haben sollen, fürchtete der IKRK-Regionaldirektor Fabrizio Carboni den Zusammenbruch der humanitären Hilfe in Beirut. Das Ausmaß des Schadens müsse jedoch erst noch festgestellt werden.

Die Ursache des Brandes war zunächst unklar. Präsident Michel Aoun sagte, das Feuer könne das Resultat eines "vorsätzlichen Sabotageaktes, das Ergebnis eines technischen Fehlers, Unwissenheit oder Nachlässigkeit" gewesen sein. In jedem Fall müsse die Ursache so schnell wie möglich bekanntgegeben und die Schuldigen zur Verantwortung gezogen werden.

Die Staatsanwaltschaft habe "alle Sicherheitsbehörden beauftragt, die notwendigen Untersuchungen zur Ermittlung der Brandursache einzuleiten", erfuhr die Nachrichtenagentur AFP aus Justizkreisen.


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