28.08.2020, 13:50 Uhr

Berlin (AFP) Berliner Charité nennt Nawalnys Zustand nach Vergiftung "unverändert ernst"

Russischer Oppositioneller weiter in künstlichem Koma auf Intensivstation

Gut eine Woche nach dem mutmaßlichen Giftanschlag auf den russischen Oppositionspolitiker Alexej Nawalny ist der Gesundheitszustand des 44-Jährigen "unverändert ernst". Nawalny liege weiterhin auf der Intensivstation im künstlichen Koma und werde maschinell beatmet, teilte die Berliner Charité am Freitag mit. "Akute Lebensgefahr" bestehe nicht, "eventuelle Langzeitfolgen der schweren Vergiftung" seien nach wie vor nicht absehbar. Allerdings sei die Symptomatik der durch die Vergiftung ausgelösten Krise "rückläufig".

Insgesamt sei der Zustand Nawalnys "stabil", hieß es weiter in der Erklärung. Er wird seit dem vergangenen Samstag in der Charité behandelt, nachdem er zwei Tage zuvor auf einem Inlandsflug zusammengebrochen und zunächst in einem Krankenhaus im sibirischen Omsk behandelt worden war. Nawalnys Umfeld glaubt, dass er durch einen Tee vergiftet wurde, den er kurz vor dem Abflug getrunken hatte.

Auch die Berliner Ärzte gehen von einer Vergiftung durch eine "Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer" aus. Der Kreml sieht dagegen keine Beweise für eine Vergiftung des scharfen Kritikers von Präsident Wladimir Putin und spricht von "voreiligen" Schlussfolgerungen. Am Donnerstag hatte die russische Polizei routinemäßig Vorermittlungen eingeleitet.

Aus Sicht von Nawalnys Anti-Korruptionsstiftung könnten ihre Recherchen im Umfeld von Kreml-Vertrauten zu dem Giftanschlag geführt haben. Sie verweist auf Untersuchungen zu dem Geschäftsmann Jewgeni Prigoschin, der Präsident Putin nahe steht, oder zur Familie des Ministerpräsidenten Michail Mischustin.

Die Bundesregierung hatte die russischen Behörden "dringlich aufgerufen, diese Tat bis ins Letzte aufzuklären - und das in voller Transparenz". Die Verantwortlichen müssten ermittelt und zur Verantwortung gezogen werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagte am Freitag in Berlin: "Wir werden mit unseren Möglichkeiten, die in der Tat begrenzt sind, versuchen, Aufklärung herbeizuführen." Sobald mehr Klarheit über die Hintergründe herrsche, müsse es eine "europäische Reaktion" gegenüber Russland geben.

Ähnlich äußerte sich Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD). Je nachdem, wie sich der Fall weiter darstelle, "müssten wir uns sicherlich nochmal mit der Frage auseinandersetzen, wie wir darauf reagieren".


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