25.08.2020, 13:31 Uhr

Moskau (AFP) Kreml wirft deutschen Ärzten voreilige Gift-Diagnose bei Nawalny vor

Kreml-Kritiker schon in Russland mit Atropin behandelt - Paris spricht von "Straftat"

Im Fall des mutmaßlich vergifteten Kreml-Kritikers Alexej Nawalny hat Russland den deutschen Ärzten eine voreilige Gift-Diagnose vorgeworfen. "Die medizinische Analyse unserer Mediziner und die der Deutschen stimmt komplett überein. Aber ihre Schlussfolgerungen sind unterschiedlich", sagte Kreml-Sprecher Dmitri Peskow am Dienstag. "Wir verstehen diese Eile der deutschen Kollegen nicht."

Nawalny wird derzeit in der Berliner Charité behandelt, nachdem der prominente Kritiker von Präsident Wladimir Putin bei einem Flug in Russland zusammengebrochen und zunächst in einem Krankenhaus im sibirischen Omsk behandelt worden war. Nawalnys Umfeld nimmt an, dass er durch einen Tee vergiftet wurde, den er kurz vor dem Abflug getrunken hatte. Die Charité geht nach ihren bisherigen Befunden von einer Vergiftung durch eine "Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer" bei Nawalny aus, wie sie am Montag mitgeteilt hatte.

Der Kreml bestätigte am Dienstag erstmals, dass bei Nawalny bei seiner Einlieferung ins Krankenhaus von Omsk ein niedriger Wert an Cholinesterase-Enzymen festgestellt worden war, woraufhin der 44-Jährige mit Atropin behandelt worden sei. Mit diesem Gegenmittel gegen Cholinesterase-Hemmer wird Nawalny auch in Berlin behandelt.

Eine mögliche Vergiftung sei angesichts der Befunde "eine Möglichkeit", sagte Peskow. "Aber es gibt viele andere medizinische Möglichkeiten." Es müsse die Ursache für den niedrigen Cholinesterase-Wert gefunden werden, erklärte der Kreml-Sprecher: "Und diese Ursache haben weder unsere Ärzte noch die Deutschen identifiziert." Weder in Deutschland noch in Russland sei "irgendeine Substanz entdeckt worden".

Das sibirische Katastrophenschutzministerium ergänzte, das Krankenhaus in Omsk sei bereit, den Medizinern in Berlin alle Ergebnisse der bei Nawalny vorgenommenen Labortests sowie Materialproben zu übergeben. MRT-Aufnahmen seien bereits weitergeleitet worden. Chefanästhesist Boris Teplysch von der Omsker Klinik sagte russischen Nachrichtenagenturen, Nawalny sei bereits wenige Minuten nach seiner Krankenhauseinlieferung Atropin verabreicht worden.

Die russischen Ärzte hatten in ihrer Diagnose eine "Stoffwechselstörung" als mögliche Ursache für den Zusammenbruch genannt. Sie hatten sich zunächst gegen eine Verlegung Nawalnys nach Berlin gestemmt. Erst am Samstagmorgen war er schließlich mit einem von deutschen Unterstützern gecharterten Sanitätsflugzeug nach Berlin gebracht worden - zwei Tage nach seiner mutmaßlichen Vergiftung.

Frankreichs Außenministerium sprach am Dienstag von einer "Straftat" gegen einen "wichtigen Akteur des politischen Lebens in Russland". Es forderte von den russischen Behörden eine "schnelle und transparente Untersuchung", um die "Umstände dieser Tat" aufzuklären. Auch die EU hatte zuvor von Russland eine "unabhängige und transparente Untersuchung" gefordert. Das russische Volk sowie die internationale Gemeinschaft wollten "die Fakten hinter Herrn Nawalnys Vergiftung" erfahren, erklärte der Außenbeauftragte Josep Borrell.

Unmittelbar nach der Vergiftungsdiagnose der Charité hatten am Montag bereits Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) nachdrücklich Aufklärung von Moskau gefordert. "Die Verantwortlichen müssen ermittelt und zur Rechenschaft gezogen werden", forderten sie.


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