24.08.2020, 12:21 Uhr

Berlin (AFP) Bundesregierung sieht "gewisse Wahrscheinlichkeit" für Giftanschlag auf Nawalny

Hightech-Trage, mit der Nawalny in die Charité gebracht wurde.
Quelle: AFP/Archiv/Odd ANDERSEN (Foto: AFP/Archiv/Odd ANDERSEN)Hightech-Trage, mit der Nawalny in die Charité gebracht wurde. Quelle: AFP/Archiv/Odd ANDERSEN (Foto: AFP/Archiv/Odd ANDERSEN)

Unterstützer: In der Charité im Koma liegender Kreml-Kritiker wird überleben

Im Rätselraten um die Ursache der schweren Erkrankung von Alexej Nawalny sieht die Bundesregierung "eine gewisse Wahrscheinlichkeit" dafür, dass der Kreml-Kritiker vergiftet wurde. Bei dem aus Russland ausgeflogenen und inzwischen in der Berliner Charité behandelten 44-Jährigen handele es sich um einen Patienten, "auf den mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein Giftanschlag verübt worden ist", sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Nach Angaben eines Unterstützers wird Nawalny überleben.

Regierungssprecher Seibert begründete mit dem Verweis auf einen möglichen Giftanschlag, dass sich das Bundeskriminalamt (BKA) in der Charité um die Sicherheit Nawalnys kümmert. Zum Gesundheitszustand des 44-Jährigen äußerte er sich nicht. Darüber könnten nur seine Ärzte und die Familie Auskunft geben. Er verwies zudem darauf, dass Transport und Unterbringung Nawalnys von privater Seite organisiert worden seien - von der Berliner Initiative Cinema for Peace.

EVP-Fraktionschef Manfred Weber (CSU) hält es seinerseits für "naheliegend", dass Moskau etwas mit der plötzlichen Erkrankung Nawalnys zu tun hat. Er glaube, dass Russlands Präsident Wladimir Putin in der derzeitigen Situation "zu vielem fähig" sei, sagte er auf "Bild live". "Dazu gehört auch das Töten von Menschen."

Außenminister Heiko Maas (SPD) äußerte sich zurückhaltender: Für eine Einschätzung des Falls bedürfe es noch weiterer Aufklärung, sagte er bei einem Besuch in Kiew. "Für den Fall Nawalny fehlen noch viele Fakten, medizinische aber auch wahrscheinlich kriminologische. Die gilt es abzuwarten." Die Bundesregierung warte auf weitere Informationen, "die wir sicherlich aus der Charité bekommen werden in absehbarer Zeit".

Der Mitorganisator des Krankentransports von Russland nach Berlin, Jaka Bizilj, geht davon aus, dass Nawalny überleben wird. Auf "Bild live" sagte er am Sonntagabend: "Aus meiner Sicht ist die entscheidende Frage, ob er das unbeschadet übersteht und seine Rolle weiter einnehmen kann." Vorerst werde das definitiv nicht möglich sein: "Wenn er das unbeschadet übersteht, was wir alle hoffen, dann ist er sicherlich trotzdem mindestens ein, zwei Monate aus dem politischen Gefecht weg."

Der bekannte Anti-Korruptions-Aktivist und scharfe Kritiker von Russlands Präsident Wladimir Putin war am vergangenen Donnerstag in ein Krankenhaus im sibirischen Omsk eingeliefert worden, nachdem er während eines Fluges nach Moskau heftige Krämpfe bekommen und das Bewusstsein verloren hatte. Nawalnys Umfeld geht davon aus, dass er durch einen Tee vergiftet wurde, den er kurz vor dem Abflug trank; die Ärzte in Omsk haben nach eigenen Angaben keine giftige Substanz im Körper des Patienten gefunden.

Vorwürfe, sie hätten auf Anweisung Moskaus die Ursache der Erkrankung verschleiert und Nawalny anfangs bewusst lange in ihrem Krankenhaus in Omsk behalten, um den späteren Nachweis von Gift zu erschweren, wiesen die russischen Ärzte am Montag zurück. "Wir haben mit niemandem eine Diagnose vereinbart", sagte Chefarzt Alexander Murachowski bei einer Online-Pressekonferenz. "Auf uns wurde keinerlei Druck von außen, von Medizinern oder anderen Kräften ausgeübt."

Mit großen Anstrengungen sei es ihnen gelungen, das Leben Nawalnys zu retten, sagte Murachowski weiter. Der stellvertretende Klinik-Leiter Anatoli Kalinitschenko betonte seinerseits nochmals, dass in Nawalnys Körper keine giftige Substanz gefunden worden sei. Er berief sich dabei auf die Befunde zweier Labore in Omsk und Moskau.

Die russischen Ärzte hatten in ihrer Diagnose eine "Stoffwechselstörung" als mögliche Ursache für den Zusammenbruch genannt. Sie hatten der Verlegung Nawalnys nach Berlin erst nach längerem Zögern zugestimmt.


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