23.08.2020, 08:29 Uhr

Hanau (AFP) Organisatoren von Gedenk-Kundgebung in Hanau zeigen Verständnis für Absage

Demonstrationen sechs Monate nach rassistischem Anschlag in anderen Städten

Die coronabedingte Absage einer Gedenkkundgebung für die Opfer des rassistischen Anschlags in Hanau vor sechs Monaten ist bei den Organisatoren auf Verständnis gestoßen. Der Ausländerbeirat der Stadt Hanau betonte am Samstag, die Gesundheit der Teilnehmer stehe angesichts der zuletzt stark gestiegenen Corona-Infektionszahlen in der Region im Vordergrund. Stattdessen kam es zu teilweise spontanen Kundgebungen in mehren anderen Städten. In Hanau war eine kleine Versammlung von Angehörigen erlaubt.

Der Hanauer Ausländerbeirat hatte die für Samstag geplante Kundgebung und deren Hygienekonzept nach Angaben seiner Vorsitzenden Selma Yilmaz-Ilkhan im Vorfeld gemeinsam mit der Stadt erarbeitet. Bei den Gesprächen habe der Beirat "im Hinterkopf gehabt", dass es bei steigenden Infektionszahlen noch zu einer Absage kommen könne, sagte Yilmaz-Ilkhan dem Deutschlandfunk.

Zwar habe sie gehofft, dass der Schritt nicht nötig werde. "Aber gestern ist es leider Realität geworden", sagte Yilmaz-Ilkhan. Dafür habe sie Verständnis, weil die Gesundheit auch der Mitglieder des Ausländerbeirats Vorrang habe. Allerdings wäre die Kundgebung insbesondere für die Angehörigen der Getöteten "sehr wichtig gewesen".

Die Stadt Hanau hatte die Gedenkkundgebung am Freitagabend kurzfristig abgesagt. Nach Angaben der Stadt meldete der Main-Kinzig-Kreis zuvor, dass die Zahl der Neuinfizierten in Hanau auf 49 Fälle je 100.000 Einwohner binnen sieben Tagen hochgeschnellt sei.

Unter anderem in Hamburg riefen die Aktivisten für Samstag zu einer Demonstration in Gedenken an die Toten von Hanau auf. Rund 170 Menschen kamen im niedersächsischen Einbeck zusammen. In Hanau war eine Gedenkveranstaltung mit einer maximalen Teilnehmerzahl von 249 Menschen angesetzt.

Oberbürgermeister Claus Kaminsky hatte die geplante Demonstration mit mehreren tausend Teilnehmern untersagt und erklärt, sobald die Infektionsfälle wieder deutlich zurückgegangen seien, solle "diese Trauerbekundung selbstverständlich" nachgeholt werden.

Er und das Kreisgesundheitsdezernat seien schockiert über "die rasante Infektionsentwicklung", betonte Kaminsky. Es sei mit einem weiteren Anstieg der Infiziertenzahl in den kommenden Tagen zu rechnen. Daher sei es nicht zu verantworten, mit einer Demonstration von 3000 bis 5000 Menschen womöglich zur weiteren Ausbreitung der Pandemie beizutragen.

Das Corona-Eskalationskonzept des Landes Hessen schreibt vor, dass ab 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen in einer Region ein konsequentes Beschränkungskonzept gelten muss. Diese Schwelle sei nun leider erreicht, erklärte Kaminsky.

Am 19. Februar hatte der 43-jährige Tobias R. in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Er und seine Mutter wurden danach tot zu Hause gefunden. Ermittler stufen die Tat als rassistisch und rechtsextremistisch ein. R. veröffentlichte zuvor im Internet unter anderem ein Dokument mit verschwörungsideologischem Inhalt.


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