21.08.2020, 17:47 Uhr

Omsk (AFP) Russische Ärzte stimmen Verlegung von Nawalny nach Deutschland zu

Zustand des Kreml-Kritikers als "stabil" bezeichnet

Der schwer kranke russische Kreml-Kritiker Alexej Nawalny kann nach Deutschland ausgeflogen werden. Nach einem Streit um die Transportfähigkeit Nawalnys, dessen Unterstützer von einer Vergiftung des Aktivisten ausgehen, stimmten seine russischen Ärzte einer Verlegung am Freitag schließlich zu. Nawalnys Zustand sei inzwischen "stabil". Dem russischen Ärzteteam zufolge wurde kein Gift im Körper des Patienten gefunden. Wahrscheinlicher sei "eine Stoffwechselstörung".

Sein Team lehne "einen Transport in ein anderes Krankenhaus, das die Angehörigen uns nennen", nicht mehr ab, sagte Anatoli Kalinitschenko, der stellvertretende Chefarzt des behandelnden Krankenhauses im russischen Omsk. Dort liegt der 44-jährige Koma-Patient auf der Intensivstation. Nawalnys Frau und sein Bruder hätten erklärt, "das Risiko auf sich zu nehmen". Der Transport werde "nicht unverzüglich", aber "noch heute" geschehen, sagte Kalinitschenko.

Die Initiative Cinema for Peace hatte ein Rettungsflugzeug mit deutschen Ärzten an Bord nach Omsk geschickt, um Nawalny nach Berlin zu holen. Der Organisation zufolge konnten die Ärzte ihn am Freitagnachmittag besuchen. Sie hielten ihn für transportfähig und fühlten sich "in der Lage und sind auch gewillt", ihn nach Berlin zu fliegen. Dies sei auch der ausdrückliche Wunsch von Nawalnys Familie.

Zunächst hatte Kalinitschenko einen Transport des prominenten Anti-Korruptions-Kämpfers zur Behandlung nach Deutschland abgelehnt, da der Zustand des Patienten "instabil" sei.

Die Zustimmung zur Verlegung erfolgte, nachdem Nawalnys Frau den russischen Präsidenten Wladimir Putin öffentlich aufgefordert hatte, den Transport ihres Mannes zur Behandlung in Deutschland zu erlauben. Zudem schalteten Vertraute Nawalnys den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) ein.

Nawalny-Sprecherin Kira Jarmysch kritisierte auf Twitter: "Das Transportverbot für Alexej ist eine direkte Bedrohung für sein Leben." Es solle so nur Zeit gewonnen werden, damit "das Gift in seinem Körper nicht mehr nachgewiesen werden kann".

Kreml-Sprecher Dmitri Peskow wies die Vorwürfe zurück. Der Beschluss, Nawalny nicht verlegen zu lassen, sei "eine rein medizinische Entscheidung", erklärte er in Moskau.

Der erbitterte Putin-Gegner Nawalny hatte auf einem Flug von der sibirischen Stadt Tomsk nach Moskau plötzlich das Bewusstsein verloren. Das Flugzeug musste daraufhin in Omsk notlanden. Seine Sprecherin erklärte, Nawalny sei vermutlich durch eine Substanz in seinem Tee vergiftet worden, den er am Flughafen getrunken hatte.

"Bisher wurde kein Gift im Blut und Urin gefunden", sagte Kalinitschenko vor Journalisten. "Wir glauben nicht, dass der Patient vergiftet wurde." Eine Stoffwechselstörung sei wahrscheinlicher, sie könne möglicherweise durch einen "starken Abfall des Blutzuckerspiegels" verursacht worden sein. Die deutschen Ärzte seien "voll zufrieden damit gewesen, was sie gesehen haben, und haben unserer Diagnose zugestimmt", sagte er. Sie hätten zugesichert, Nawalny nach Berlin zu bringen, sagte der stellvertretende Chefarzt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte am Donnerstag eine Behandlung des 44-Jährigen in einem deutschen Krankenhaus angeboten.

Nawalnys Stiftung deckte in den vergangenen Jahren immer wieder Fälle von Korruption und den dekadenten Lebensstil von Mitgliedern der russischen Elite auf. Zuletzt befand der Oppositionspolitiker sich auf Wahlkampftour durchs Land, um den Sieg regierungsnaher Kandidaten bei Regionalwahlen im September zu verhindern. Nawalny wurde in der Vergangenheit immer wieder festgenommen, mehrfach gab es körperliche Angriffe auf ihn.


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