20.08.2020, 19:34 Uhr

Berlin (AFP) Schwerkranker Kreml-Kritiker Nawalny soll in Berlin behandelt werden

Putin-Gegner liegt mit Verdacht auf Vergiftung im Koma

Der lebensgefährlich erkrankte Kreml-Kritiker Alexej Nawalny soll zur Behandlung nach Deutschland geholt werden. Der prominente Anti-Korruptions-Kämpfer und erbitterte Gegner des russischen Präsidenten Wladimir Putin, der nach Angaben seiner Sprecherin "gezielt vergiftet" wurde, solle nach Berlin geholt werden, teilte die Initiative "Cinema for Peace" am Donnerstagabend mit. Zuvor hatte Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) eine Behandlung Nawalnys in einem deutschen Krankenhaus angeboten.

Ein Rettungsflieger mit medizinischer Ausrüstung und Spezialisten an Bord solle um Mitternacht vom Flughafen Berlin-Tegel starten, teilte die Initiative weiter mit. Die Berliner Charité sei bereit, Nawalny zu behandeln. Die "Bild"-Zeitung hatte zuvor über die Rettungspläne berichtet.

Der Gründer der Initiative "Cinema for Peace", Jaka Bizilj, hatte 2018 dabei geholfen, den vergifteten Putin-Kritiker Pjotr Wersilow von der Künstlergruppe "Pussy Riot" nach Deutschland zu bringen.

Derzeit kämpfen russische Ärzte um das Leben des 44-jährigen Nawalny. Der Kreml-Kritiker hatte auf einem Flug auf dem Rückweg von der sibirischen Stadt Tomsk nach Moskau plötzlich das Bewusstsein verloren. Wegen des Vorfalls musste das Flugzeug in Omsk notlanden. Seine Sprecherin sagte, Nawalny habe am Flughafen nur einen schwarzen Tee getrunken. Sie sei überzeugt davon, dass er "absichtlich vergiftet wurde".

Nawalny liegt nun auf der Intensivstation im Koma und muss beatmet werden. Die Mediziner auf der Intensivstation des Krankenhauses im sibirischen Omsk täten alles, "um sein Leben zu retten", sagte der stellvertretende Direktor der Klinik, Anatoli Kalinitschenko. Nawalnys Zustand sei "stabil".

Auf Twitter schrieb Nawalnys Sprecherin Kira Jarmysch: "Wir glauben, dass Alexej mit etwas vergiftet wurde, das in seinen Tee gemischt war." Die Ärzte bestätigten dies zunächst nicht. Es liege noch keine Diagnose vor, sagte Kalinitschenko. Dem regionalen Gesundheitsministerium zufolge liegt Nawalny in einem natürlichen, nicht in einem künstlichen Koma.

Eine Nawalny nahestehende Ärztin, Anastasia Wassiljewa, begrüßte auf Twitter ein Angebot des Kreml-Sprechers Dmitri Peskow, wonach Moskau einen Transfer Nawalnys nach Deutschland unterstützen werde. Nawalnys Ehefrau Julia traf unterdessen im 2200 Kilometer östlich von Moskau gelegenen Omsk ein.

Merkel und Macron äußerten sich beide äußerst besorgt über den Gesundheitszustand des Putin-Kritikers. Merkel sprach von einem "sehr besorgniserregenden Zustand". Macron bot seinerseits die Hilfe Frankreichs an. "Wir sind bereit, jede mögliche Hilfestellung zu leisten - in gesundheitlicher Weise und in Hinblick auf Asyl", sagte er. Beide forderten zudem eine Aufklärung der Umstände von Nawalnys Erkrankung.

Der EU-Außenbeauftragte Josep Borrell erklärte, wenn sich der Verdacht einer Vergiftung bestätige, müssten die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Der britische Außenminister Dominic Raab zeigte sich "zutiefst besorgt".

Das Auswärtige Amt in Berlin erklärte, Nawalny sei "ohne Zweifel einer der bekanntesten, einflussreichsten und lautstärksten Gegner von Korruption in Russland". Seine politische Arbeit und seine Investigativ-Recherchen zu Korruption, in denen er immer wieder behindert werde, seien wichtig für die Transparenz in einer Demokratie und für eine lebendige Zivilgesellschaft in Russland.

Nawalnys Stiftung deckt immer wieder Fälle von Korruption und den dekadenten Lebensstil von Vertretern der russischen Elite auf. Die Enthüllungen erfolgen vor allem über das Internet.

Nawalny wurde schon mehrfach festgenommen und zu Haftstrafen verurteilt. Derzeit bereist er Russland, um die Wahl von Putin-Unterstützern bei Regionalwahlen im September zu verhindern.

Nawalny war in der Vergangenheit zudem bereits mehrfach attackiert worden. 2017 wurde er am Auge verletzt, als Angreifer ihn vor seinem Büro mit einer antiseptischen grünen Flüssigkeit besprühten. Im August vergangenen Jahres erlitt Nawalny in Polizeigewahrsam Hautausschläge und sein Gesicht schwoll an. Ärzte im Krankenhaus sagten anschließend, er habe eine allergische Reaktion erlitten, doch Nawalny forderte Ermittlungen wegen Vergiftung.


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