22.07.2020, 11:59 Uhr

Berlin (AFP) Corona-Krise verschärft Lage von Kindern in Armut

Regierung verweist auf ergriffene Maßnahmen - Kritik von Verbänden und Opposition

Die Corona-Krise droht die Kinderarmut weiter zu verschärfen. Eltern benachteiligter Kinder und Jugendlicher arbeiteten häufig in Teilzeitarbeit oder als Minijobber und seien in der Pandemie-Zeit von Jobverlusten oder Einkommenseinbußen überdurchschnittlich stark betroffen, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Analyse der Bertelsmann-Stiftung. Von Sozialverbänden und der Opposition kamen Forderungen nach einer grundlegenden Reform der Leistungen für benachteiligte Kinder.

Wegen der Corona-Auswirkungen bestehe die Gefahr, dass viele arme Kinder "durchs Raster fallen", warnte der Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, Jörg Dräger. Dies liege auch daran, dass zahlreiche außerhäusliche Unterstützungsangebote während des Lockdowns eingestellt worden seien. Die Stiftung beruft sich unter anderem auf Auswertungen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Problemverschärfend wirkt demnach auch der Corona-bedingte Unterricht zu Hause. Kinder aus armen Verhältnissen verfügten oft nicht über die notwendige technische Ausstattung und hätten vielfach auch keine Rückzugsräume für ungestörtes Lernen. So hätten 24 Prozent der Kinder in Haushalten, die Grundsicherung beziehen, keinen Zugang zu einem internetfähigen PC.

Die meisten von Armut betroffenen Kinder hätten kaum Aussicht auf Besserung ihrer Situation. Derzeit seien 21,3 Prozent oder 2,8 Millionen der Kinder und Jugendlichen in Deutschland von Armut betroffen, heißt es in der Analyse. Für etwa zwei Drittel von ihnen gelte dies dauerhaft, also für mindestens fünf Jahre durchgehend oder wiederkehrend. Besonders stark betroffen seien Haushalte von Alleinerziehenden sowie Haushalte mit drei oder mehr Kindern.

"Die Politik tut zu wenig, um Kindern Armut zu ersparen", erklärte Stiftungs-Vorstand Dräger. Er forderte Bund und Länder zum Handeln auf. Nötig seien neue sozial- und familienpolitische Konzepte, sagte Dräger und verwies auf Vorschläge für ein Teilhabegeld oder eine Kindergrundsicherung.

Der DGB erklärte: "Armen Kindern hilft das Rumgeschraube an schlechten Regelungen nicht weiter." Gebraucht werde eine "echte Kindergrundsicherung", die das Kindergeld, den Kinderfreibetrag, den Kinderzuschlag sowie die Hartz-IV-Leistungen für Kinder und Jugendliche ersetzt, so DGB-Bundesvorstandsmitglied Anja Piel.

Der Sozialverband VdK forderte die Parteien auf, Kinderarmut im Bundestagswahlkampf ganz oben auf die Agenda zu setzen. "Wir brauchen ein ganzes Bündel an Maßnahmen", erklärte VdK-Präsidentin Verena Bentele. Am wichtigsten sei eine eigene finanzielle Absicherung für Kinder und Jugendliche.

Der Verband Diakonie kritisierte "das Nebeneinander aus Kindergeld, Kinderfreibetrag, Kinderzuschlag, Kinderregelsätzen und Pauschalen des Bildungs- und Teilhabepakets". Es sei höchste Zeit für eine "einheitliche finanzielle Kinder-Grundförderung". Das Deutsche Kinderhilfswerk forderte die Einrichtung eines Sonderfonds, "über den Bildungsprogramme für benachteiligte Kinder finanziert werden können".

Vize-Regierungssprecherin Ulrike Demmer verwies darauf, dass die Regierung in dieser Legislaturperiode bereits "zahlreiche Maßnahmen" zur Verbesserung der Lage von Familien ergriffen habe. Die Armutsquote in Deutschland sei "grundsätzlich rückläufig", so Demmer. Eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums sagte, Kinderarmut sei ein "prioritäres Thema" in dem Ressort.

Linken-Chef Bernd Riexinger erklärte: "Kinderarmut ist kein Schicksal, sondern Folge politischer Untätigkeit." Die Einführung einer Kindergrundsicherung "könnte Kinderarmut längst abgeschafft haben".

Die Grünen sprachen von einem "Armutszeugnis" der Regierung und forderten eine "Gesamtstrategie". Eine Kindergrundsicherung müsse sich an den realen Bedarfen von Kindern orientieren und unbürokratisch ausgezahlt werden, erklärten Grünen-Fraktionsvize Katja Dörner und der Sozialpolitiker Sven Lehmann.

Der FDP-Familienpolitiker Grigorios Aggelidis betonte ebenfalls die Notwendigkeit einer "grundlegenden Reform der kindesbezogenen Familienleistungen". Kinderarmut bedeutet vor allem ein Mangel an Bildungs- und Teilhabechancen.


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