17.07.2020, 20:13 Uhr

Offenburg (AFP) Bewaffneter Mann nach tagelanger Großfahndung im Schwarzwald gefasst

Ermittler kamen Verdächtigem nach Hinweis aus der Bevölkerung auf die Spur

Nach einer tagelangen Großfahndung im Schwarzwald ist der schwer bewaffnete Flüchtige Yves R. am Freitagnachmittag gefasst worden. Bei der Festnahme seien der 31-jährige Verdächtige und ein Beamter des Spezialeinsatzkommandos (SEK) leicht verletzt worden, teilten die Polizei und die Staatsanwaltschaft der Stadt Offenburg bei einer gemeinsamen Pressekonferenz am Abend mit. Die Ermittler waren dem Mann durch einen Hinweis aus der Bevölkerung auf die Spur gekommen.

Stunden vor der Festnahme hatte der Offenburger Polizeipräsident noch an R. appelliert, Kontakt zu den Ermittlern aufzunehmen. Kurz darauf hätten sich zwei Zeugen gemeldet, die den Mann gesehen haben wollen. Durch den Einsatz von Personenspürhunden sei der Verdächtige schließlich in einem Gebüsch sitzend entdeckt worden, teilte die Polizei mit.

Vor ihm hätten sich gut sichtbar vier Pistolen befunden. Außerdem habe er ein Schriftstück bei sich getragen, das ein Abschiedsbrief sein könnte, erklärte die Polizei. Auf seinem Schoß habe eine Axt gelegen. Wie es zu den Verletzungen bei der Festnahme kam, sei noch Gegenstand der Ermittlungen. Es sei jedoch die Axt im Spiel gewesen - bei den Verletzungen handele es sich um "oberflächliche Schnittverletzungen".

An der tagelangen Suchaktion waren laut Polizei 2530 Einsatzkräfte beteiligt gewesen. Rund 250 Hinweise aus der Bevölkerung hätten die Beamten erhalten.

Die Staatsanwaltschaft Offenburg bezeichnete die Festnahme als "Zwischenschritt". Der Verlauf der vergangenen Tage und der Festnahme müssten nun auf "strafrechtlich neue Aspekte" geprüft werden, sagte der Leiter der Staatsanwaltschaft Offenburg, Herwig Schäfer. R. werde morgen dem Haftrichter vorgeführt.

Dem Verdächtigen seien bereits Blutproben abgenommen worden, um etwaige Medikamenten- oder Rauschmittel-Einflüsse zu ermitteln. Es werde außerdem ein psychiatrisches Gutachten des Beschuldigten erstellt. Schäfer hofft, das Ermittlungsverfahren in acht bis zwölf Wochen abschließen zu können. Dem Verdächtigen werde "schwere räuberische Erpressung" vorgeworfen.

Der Leiter des Polizeipräsidiums Offenburg, Reinhard Renter, sagte, er sei "überglücklich und zufrieden". Die Polizei habe bei der Suche technische Unterstützung aus dem ganzen Land erhalten. Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) erklärte, ihm falle "ein Schwarzwald-Felsbrocken vom Herzen". Vor allem für die Menschen rund um Oppenau ende die Zeit der Ungewissheit.

Seit der Flucht R.s in ein Waldstück bei Oppenau im Schwarzwald hatte die Polizei unter Hochdruck nach dem Verdächtigen gesucht. Hunderte Polizisten, unterstützt von Hubschraubern und Wärmebildkameras, durchkämmten die umliegenden Wälder und durchsuchten dabei auch mögliche Unterschlüpfe wie Höhlen, alte Bunkeranlagen oder verlassene Gebäude.

Zur spektakulären Flucht R.s war es am vergangenen Sonntag bei einer Polizeikontrolle in Oppenau gekommen. Polizisten wollten eine Hütte kontrollieren, nachdem ihnen ein Verdächtiger in Tarnkleidung und mit Pfeil und Bogen gemeldet worden war. Der 31-Jährige bedrohte dort einen der Polizisten nach Ermittlerangaben mit einer Pistole, woraufhin die Beamten ihre Waffen niederlegten. Schwer bewaffnet flüchtete der Mann dann in den Wald.

Nach Angaben der Ermittler war der heute 31-Jährige als Jugendlicher wegen Volksverhetzung zu einer achtmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden, die ihm jedoch später erlassen wurde. Auch später sei er durch antisemitische Äußerungen und die Verwendung von Hakenkreuzen und SS-Symbolen aufgefallen.

Nach Angaben der Staatsanwaltschaft fiel R. in den vergangenen Jahren zudem immer wieder durch Verstöße gegen Waffengesetze auf. Nach Presseberichten soll er bereits eine Haftstrafe wegen Körperverletzung einer ehemaligen Partnerin mit einer Armbrust verbüßt haben.

Der Ort Oppenau mit ungefähr 5000 Einwohnern war vor fast 30 Jahren schon einmal in den Schlagzeilen: Dort wurde der heutige Bundestagspräsident und damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) am 12. Oktober 1990 bei einer Wahlveranstaltung angeschossen und lebensgefährlich verletzt. Der Täter wurde überwältigt und später in die Psychiatrie eingewiesen. Schäuble ist seither gelähmt.


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