29.06.2020, 14:57 Uhr

Düsseldorf (AFP) NRW-Justizminister: 30.000 Tatverdächtige im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach

Fall kam im vergangenen Oktober ins Rollen

Im Zusammenhang mit dem Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach gibt es inzwischen mehr als 30.000 unbekannte Tatverdächtige. Nordrhein-Westfalens Justizminister Peter Biesenbach (CDU) sagte am Montag in Düsseldorf, die zuständige Zentral- und Ansprechstelle Cybercrime (ZAC) ermittle gegen so viele Verdächtige. Ziel sei es nun, diese Täter und Unterstützer von Kindesmissbrauch aus der Anonymität des Internets herauszuzerren.

"Ich habe nicht damit gerechnet, nicht im Entferntesten, welches Ausmaß Kindesmissbrauch im Netz hat", sagte Beisenbach. Was die Ermittlungsgruppe zutage gefördert habe, sei "zutiefst verstörend". "Wir müssen erkennen, dass Kindesmissbrauch im Netz weiter verbreitet ist, als wir bisher angenommen haben."

"Chatgruppen mit mehreren hundert, teils mehreren tausend Nutzern entstehen nicht von heute auf morgen", sagte der CDU-Politiker weiter. Er erklärte, er habe die zuständige ZAC gebeten, zum 1. Juli eine eigene Taskforce aufzustellen, welche die Identitäten der Menschen hinter den Pseudonymen im Netz ermitteln soll. Demnach sollen sechs Staatsanwälte ausschließlich Verfahren der Taskforce bearbeiten.

Grundsätzlich soll die ZAC laut Biesenbach landesweit immer dann eingeschaltet werden, wenn die Auswertung von Beweismitteln in Kindesmissbrauchsfällen Hinweise auf Verknüpfungen in das Internet, Chatgruppen, Messengerforen und Darknetboards ergibt.

Die Missbrauchsermittlungen hatten im vergangenen Oktober mit der Festnahme eines mutmaßlichen Täters in Bergisch Gladbach bei Köln begonnen - schnell wurde klar, dass der Fall größere Dimensionen haben könnte. Bereits im November hieß es von Ermittlerseite, dass der Komplex Bergisch Gladbach größer sein dürfte als der Fall in Lügde in Ostwestfalen.

Bei der dortigen Missbrauchsserie war es auf einem Campingplatz jahrelang zum Missbrauch zahlreicher Kinder gekommen. Zuletzt war Anfang Juni auch in Münster ein Pädophilennetzwerk aufgedeckt worden, elf Verdächtige wurden festgenommen.

Namentlich identifiziert sind im Missbrauchskomplex Bergisch Gladbach bisher etwas mehr als 70 Tatverdächtige in ganz Deutschland. Im Mai war ein erster Täter - ein 27 Jahre alter Soldat - zu zehn Jahren Haft verurteilt und auf unbestimmte Zeit in der Psychiatrie untergebracht worden.

Die Staatsanwaltschaft hatte ihm mehr als 30 Straftaten an insgesamt vier Kindern zur Last gelegt. Der zuletzt in Kamp Lintfort wohnende Soldat soll sexuelle Übergriffe unter anderem auf seinen Stiefsohn und seine leibliche Tochter begangen haben.

Der CDU-Politiker und Bundestagsfraktionsvize Thorsten Frei zeigte sich am Montag erschüttert angesichts der "monströsen Ausmaße, die jede Vorstellungskraft übertreffen". Die Missbrauchsermittlungen aus Nordrhein-Westfalen hatten eine neue Debatte über härteres Durchgreifen gegen Kinderschänder befeuert.

Frei begrüßte es, dass Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) angekündigt habe, noch in dieser Woche einen entsprechenden Gesetzentwurf vorzulegen. Geplant ist, Kindesmissbrauch und die Verbreitung von Kinderpornografie als Verbrechen statt als Vergehen einzustufen. Damit erhöht sich die Mindeststrafe von sechs auf zwölf Monate.

"Wir müssen und werden diesen Entwurf äußerst zügig beraten und verabschieden", erklärte der Unionsfraktionsvizechef. In der kommenden Woche beginnt die zweimonatige parlamentarische Sommerpause.


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