28.06.2020, 12:48 Uhr

Frankfurt/Main (AFP) "FAS": Vorwürfe gegen Wirecard wurden nur von einem Mitarbeiter geprüft

Wirecard-Zentrale in Aschheim nahe München.
Quelle: AFP/Christof STACHE (Foto: AFP/Christof STACHE)Wirecard-Zentrale in Aschheim nahe München. Quelle: AFP/Christof STACHE (Foto: AFP/Christof STACHE)

Nach Bilanzskandal werden Forderungen nach stärkeren Aufsichtsbehörden lauter

Der Bilanzskandal bei Wirecard schlägt weiter hohe Wellen: Nach einem Zeitungsbericht, wonach die Finanzaufsicht über Monate hinweg nur einen Mitarbeiter mit der Prüfung der Betrugsvorwürfe gegen den Zahlungsdienstleister beauftragte, mahnten Oppositionspolitiker am Wochenende eine deutliche Stärkung der Aufsichtsbehörden an. Die Bundesregierung zieht unterdessen erste Konsequenzen und will offenbar ihren Vertrag mit der Deutschen Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) kündigen.

Laut "Frankfurter Allgemeiner Sonntagszeitung" (FAS) war im Fall von Wirecard "im Wesentlichen nur ein einzelner Mitarbeiter" mit der komplexen Prüfung betraut - obwohl es seit Anfang 2019 einen konkreten Verdacht auf Bilanzmanipulationen bei dem Dax-Konzern gegeben und der Fall immer weitere Kreise gezogen habe. Private Wirtschaftsprüfungsgesellschaften setzten dagegen bei ähnlich schwierigen Fällen in Großunternehmen nicht selten Dutzende von Bilanzierungsfachleuten ein.

Die Bafin sah nach Informationen der Zeitung bereits im Februar 2019 im Rahmen der Wertpapieraufsicht Anlass, den Vorwürfen gegen Wirecard nachzugehen. Doch nach geltendem Recht habe sie mit dieser Untersuchung die DPR beauftragen müssen. Diese habe aber nur wenig Personal und deshalb lediglich einen Mitarbeiter für die Untersuchung abgestellt.

Bafin und DPR bestätigten laut FAS, dass die Sonderprüfung im Februar 2019 veranlasst worden sei, nannten aber keine weiteren Einzelheiten. Ein Ergebnis der Sonderprüfung durch die Finanzaufsicht liegt demnach bis heute nicht vor.

Die fragwürdige Aufgabenteilung zwischen Bafin und DPR stehe auch im Zentrum der Kritik von Seiten der EU-Kommission an Deutschland im Fall Wirecard, berichtete die "FAS" weiter.

Der "Bild am Sonntag" zufolge wollen das Bundesjustiz- und das Bundesfinanzministerium nun als Konsequenz aus dem Wirecard-Skandal den Vertrag zwischen der Bundesrepublik und der DPR kündigen. Nach Angaben des Justizministeriums soll es in dieser Frage am Montag Informationen geben.

Die Opposition verschärfte am Wochenende ihre Kritik. Dass die Prüfung nach 16 Monaten noch nicht abgeschlossen sei, bedeute "im Kern nicht weniger als die Abschaffung des Finanzplatzes Deutschland durch die Bundesregierung", kritisierte FDP-Fraktionsvize Michael Theurer. "Wer die Aufsichtsbehörden nicht vernünftig ausstattet schadet dem gesamten Standort Deutschland."

Der Grünen-Bundestagsabgeordnete Danyal Bayaz, Mitglied im Finanzausschuss, mahnte, die Aufsichtsbehörden bräuchten "Fachleute, die über aufsichtsrechtliche, finanztechnische, aber auch IT-relevante Kompetenzen verfügen, um neue Technologien und Geschäftsmodelle im Detail zu begreifen und zu kontrollieren".

Linken-Fraktionsvize Fabio de Masi forderte, der Vertrag mit der DPR müsse "sofort gekündigt werden". Auch das Haftungsprivileg der Wirtschaftsprüfer sei dringend reformbedürftig. Im Wirecard-Skandal war zuletzt auch die Prüfgesellschaft EY für ihre Rolle bei dem insolventen Finanzdienstleister unter Beschuss geraten.

Wirecard hatte am Donnerstag einen Insolvenzantrag gestellt, nachdem das Unternehmen eingestehen musste, dass in der Bilanz aufgeführte Barmittel von 1,9 Milliarden Euro, die angeblich auf asiatischen Bankkonten lagen, nicht auffindbar seien. Bafin-Präsident Felix Hufeld bezeichnete die Ereignisse als eine "Schande" für Deutschland. Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) kündigte als Konsequenz aus dem Bilanzskandal eine Reform der deutschen Finanzaufsicht an.


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