26.06.2020, 19:51 Uhr

Moskau (AFP) Schuldspruch und Bewährungsstrafe für russischen Star-Regisseur Serebrennikow

Russischer Star-Regisseur Serebrennikow.
Quelle: AFP/Alexander NEMENOV (Foto: AFP/Alexander NEMENOV)Russischer Star-Regisseur Serebrennikow. Quelle: AFP/Alexander NEMENOV (Foto: AFP/Alexander NEMENOV)

Umstrittener Prozess sorgte in Russland und international für Kritik

Im umstrittenen Prozess wegen angeblicher Unterschlagung öffentlicher Gelder ist der russische Star-Regisseur Kirill Serebrennikow zu einer dreijährigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. "Serebrennikows Rehabilitierung ist ohne eine richtige Gefängnisstrafe möglich", sagte die für das Strafmaß zuständige Richterin am Freitag in Moskau nach dem vorherigen Schuldspruch. Sie schränkte allerdings Serebrennikows Berufsausübung ein und verhängte eine Geldstrafe. Das Verfahren war im In- und Ausland als politisch motiviert kritisiert worden.

"Kein Kommentar", sagte Serebrennikow, der einen schwarzen Mundschutz und eine dunkle Sonnenbrille trug, nach der Urteilsverkündung. Zu seinen Unterstützern sagte er: "Ein riesiges Dankeschön an Euch für Eure Unterstützung und die Tatsache, dass Ihr an meine Unschuld glaubt." Zugleich rief er sie auf, wegen der Corona-Pandemie die Abstandsregeln einzuhalten. "Weil Ihr für die Wahrheit kämpfen müsst", fügte der 50-Jährige hinzu.

Mehrere hundert Unterstützer des Regisseurs, die sich vor dem Gerichtsgebäude versammelt hatten, klatschten Beifall, als die Nachricht über die Bewährungsstrafe zu ihnen drang. Die Staatsanwaltschaft hatte eine sechsjährige Haftstrafe beantragt. Auch gegen zwei Mitangeklagte wurden Bewährungsstrafen verhängt.

Richterin Olessja Mendelejewa verhängte gegen Serebrennikow zudem eine Geldstrafe in Höhe von 800.000 Rubel (10.000 Euro). Das russische Ermittlungskomitee erklärte, es habe daher Besitztümer des Künstlers beschlagnahmt, darunter eine Wohnung in Deutschland im Wert von 300.000 Euro, Autos, Schmuck und insgesamt 100.000 Dollar.

Serebrennikow und zwei Komplizen hätten "einen Betrug in besonders großem Ausmaß begangen" und "auf persönliche Bereicherung gerichtete Aktionen durchgeführt", die die Mitarbeiter des Kulturministeriums in die Irre geführt hätten, hieß es in dem am Morgen verkündeten Urteil. Dem Theater- und Filmregisseur werde die Leitung kultureller Einrichtungen untersagt, erklärte die für das Strafmaß zuständige Richterin am Nachmittag.

Regierungssprecher Steffen Seibert sagte am Freitag nach dem Schuldspruch und vor der Strafmaßverkündung in Berlin, die Bundesregierung verfolge den Umgang mit Oppositionspolitikern, Journalisten, der Zivilgesellschaft sowie mit Künstlern "sehr genau".

Die Prinzipien der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) und des Europarats "gelten auch für Russland - also das Recht auf freie Meinungsäußerung, die Kunstfreiheit, die Bedingungen für die Präsentation von abweichenden politischen Vorstellungen - und das sollte unseres Erachtens auch in der Russischen Föderation gewährleistet sein", betonte Seibert.

Das Verfahren hatte in Russland und international für Kritik gesorgt. Serebrennikow war im August 2017 festgenommen und unter Hausarrest gestellt worden. Erst im April 2019 durfte er seine Moskauer Wohnung wieder unbeschränkt verlassen, ihm wurde allerdings ein Ausreiseverbot auferlegt.

Das Vorgehen der Justiz gegen den bekannten Regisseur wurde als politisch motiviert kritisiert. Russische und internationale Künstler protestierten gegen den Strafprozess gegen Serebrennikow, darunter der deutsche Regisseur Volker Schlöndorff und die Schauspielerin Nina Hoss sowie die Hollywood-Stars Cate Blanchett und Ian McKellen.

Am Freitag versammelten sich prominente Vertreter der Kunstszene, darunter Schaubühnen-Regisseur Thomas Ostermeier, in Berlin vor der russischen Botschaft Unter den Linden. Sie hielten ein riesige Transparent mit der Aufschrift "Free Kirill" hoch.

2012 hatte Serebrennikow die Leitung des kleinen, staatlich geförderten Gogol-Zentrums in Moskau übernommen und es zu einem der angesagtesten Theater der Stadt gemacht. Obszöne Sprache und Nacktheit auf der Bühne sowie die moderne Umsetzung alter Klassiker brachten ihm jedoch auch Ärger mit konservativen Kreisen ein.


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