23.06.2020, 12:25 Uhr

Wiesbaden (AFP) Wirtschaftsweise: Ab Sommer geht es wieder aufwärts

Sachverständigenrat rechnet dieses Jahr aber mit Einbruch um 6,5 Prozent

Nach dem heftigen Einbruch der Wirtschaftsleistung in der Corona-Krise geht es ab Sommer wieder aufwärts: Der Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung rechnet in seiner am Dienstag vorgelegten neuen Prognose mit einer "allmählichen Erholung" in den kommenden Monaten und einem Wirtschaftswachstum um 4,9 Prozent im nächsten Jahr. 2020 allerdings wird das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 6,5 Prozent schrumpfen.

Die Senkung der Neuinfektionszahlen und die allmähliche Lockerung der Einschränkungen in Deutschland und bei wichtigen Handelspartnern seien die Voraussetzung für eine Erholung im Verlauf des Jahres, so die Wirtschaftsweisen. Auch die Stützungsmaßnahmen und die Konjunkturimpulse der Bundesregierung dürften sich "positiv auswirken".

An Frühindikatoren wie dem Einkaufsmanagerindex und Echtzeitdaten wie dem Stromverbrauch oder den Lkw-Fahrtzeiten lasse sich der Optimismus für eine Erholung festmachen, sagte die Wirtschaftsweise Monika Schnitzer. Allein schon durch die Lockerung der Beschränkungen werde "die Wirtschaftstätigkeit entfaltet", erläuterte der Vorsitzende des Gremiums, Lars Feld. Die Absatzmöglichkeiten für deutsche Produkte im In- und Ausland seien "in vielerlei Hinsicht intakt", und auch die expansive Geld- und Finanzpolitik werde zum Erholungsprozess beitragen.

Mit dem Konjunkturpaket der Bundesregierung sind die Wirtschaftsweisen "im Großen und Ganzen zufrieden", wie er sagte. Es gebe "mehr Licht als Schatten". Die Zukunftsinvestitionen seien "voluminös genug, um auch über das Jahr 2021 hinaus zum Tragen zu kommen". Felds Kollegin Veronika Grimm lobte, Investitionen in die Digitalisierung und den Klimaschutz böten die Chance, den Strukturwandel hierzulande zu befördern. "Davon werden wir danach profitieren."

"Vorsichtig" bewertet das Gremium die Mehrwertsteuersenkung für sechs Monate, wie Feld sagte. Sie werde zum Vorziehen des Konsums führen und ab 2021 dann zu einer entsprechenden Zurückhaltung der Verbraucher. Die Kosten der Preisumstellung seien für die Unternehmen zudem "nicht so einfach". Schnitzer sagte, sie hätte sich eine stärkere Senkung der Stromkosten gewünscht; der Wirtschaftsweise Volker Wieland "mehr" bei den Verlustvorträgen für Unternehmen.

Die Arbeitslosenquote wird den Wirtschaftsweisen zufolge in den kommenden Monaten weiter ansteigen. Im Jahresschnitt rechnen die Forscher mit einer Zunahme um 452.000 Arbeitslosen. Diese Zahl könne sich aber noch verbessern, sagte Feld. Im Jahresverlauf 2021 werde die Quote wieder zurückgehen.

In ihrer Prognose gehen die Wirtschaftsforscher davon aus, "dass wir einen zweiten Lockdown verhindern können", wie Feld sagte. Die Menschen im Land und die Verantwortlichen in der Politik hätten in den vergangenen Wochen "viel gelernt".

Zwar werde die Corona-Pandemie voraussichtlich den stärksten Einbruch der deutschen Wirtschaft seit Bestehen der Bundesrepublik verursachen - doch sei die Lage in Deutschland "noch einigermaßen erträglich", sagte Feld mit Blick auf die Situation in Ländern wie Italien, Spanien oder Frankreich mit Einbrüchen von elf Prozent des BIP und mehr. "Frühestens 2022" werde die Wirtschaftsleistung hierzulande wieder auf dem Niveau von vor der Pandemie liegen.

Der Ausblick für die weitere wirtschaftliche Entwicklung unterliege allerdings weiterhin einer "erheblichen Unsicherheit", warnte das Gremium. Der Sachverständigenrat korrigierte mit seiner Prognose vom Dienstag seine "Szenarien" von Ende März - damals hatten die Wirtschaftsweisen einen Einbruch um bis zu 5,4 Prozent je nach Dauer und Ausmaß der Einschränkungen vorhergesagt.

Für den Euroraum erwarten die Wirtschaftsweisen einen Rückgang des BIP um sogar 8,5 Prozent - die Erholung im kommenden Jahr wird ihrer Erwartung nach aber auch sehr kräftig mit einem Plus von 6,2 Prozent ausfallen. Der Sachverständigenrat besteht aus fünf Wirtschaftswissenschaftlern; Aufgabe ist die Beratung der Politik. Derzeit besteht das Gremium aus Lars Feld, Veronika Grimm, Monika Schnitzer, Achim Truger und Volker Wieland.


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