22.06.2020, 09:36 Uhr

Berlin (AFP) Wirecard: Konten über 1,9 Milliarden Euro gibt es wahrscheinlich nicht

Wirecard-Logo.
Quelle: AFP/Archiv/Christof STACHE (Foto: AFP/Archiv/Christof STACHE)Wirecard-Logo. Quelle: AFP/Archiv/Christof STACHE (Foto: AFP/Archiv/Christof STACHE)

Philippinische Banken bestreiten Verwicklung in Skandal

Im Skandal um die verschwundenen 1,9 Milliarden Euro aus seiner Jahresbilanz geht der deutsche Finanzdienstleister Wirecard mittlerweile davon aus, dass das angebliche Bankguthaben gar nicht existiert. Der Vorstand nehme aufgrund weiterer Prüfungen an, dass die beiden bisher von Wirecard ausgewiesenen Guthaben auf asiatischen Treuhandkonten "mit überwiegender Wahrscheinlichkeit nicht bestehen", erklärte das Unternehmen in einer in der Nacht zum Montag veröffentlichten Börsenmitteilung.

Die Summe entspricht in etwa einem Viertel der Konzernbilanzsumme und war von Wirecard-Tochtergesellschaften als Garantie für das Risikomanagement von Händlern hinterlegt worden, für die Wirecard Zahlungen abwickelt. Wirecard teilte nun mit, dass es seine Einschätzungen des vorläufigen Ergebnisses des Geschäftsjahres 2019 sowie des ersten Quartals 2020 zurücknehme. Zudem wurden die Ziele für das Jahr 2025 zurückgenommen. Auch könnten mögliche Auswirkungen auf die Jahresabschlüsse vorheriger Geschäftsjahre nicht ausgeschlossen werden.

Medienberichten zufolge sollen die 1,9 Milliarden Euro auf den Konten der philippinischen Großbanken BDO und BPI deponiert worden sein. Treuhänder des Geldes ist nach Berichten von "Spiegel" und "Süddeutscher Zeitung" seit dem Jahr 2019 Mark Tolentino, Anwalt mit Kanzlei im philippinischen Finanzzentrum Makati City.

Laut "SZ" soll Tolentino insgesamt sechs Konten für den Wirecard-Konzern bei BDO und BPI angelegt haben. Wie der "Spiegel" berichtete, ließ der Anwalt, dem bei der Aufklärung des Skandals eine Schlüsselrolle zukommen könnte, Kontaktanfragen zuletzt unbeantwortet.

Die philippinische Zentralbank hatte am Sonntag allerdings erklärt, dass das fehlende Wirecard-Geld niemals in das Finanzsystem des Landes eingegangen sei. Die Namen der Banken BDO und BPI seien in diesem Zusammenhang nur genannt worden, um bei möglichen Ermittlungen die Spuren zu verwischen.

Sowohl BDO als auch BPI versicherten demnach, weder Kunde noch Geschäftspartner von Wirecard gewesen zu sein. Die Banken hätten die Prüfgesellschaft Ernst & Young darüber informiert, dass Dokumente, welche die Existenz der Gelder beweisen sollten, gefälscht seien.

Wegen des Skandals war am Freitag der Gründer und Chef von Wirecard, Markus Braun, mit sofortiger Wirkung zurückgetreten. Die Firma hatte zuvor ihren Jahresabschluss zum vierten Mal verschoben und mit dem möglichen Betrugsfall die Börse schockiert.

Wirecard war nach eigenen Angaben von den Abschlussprüfern darauf hingewiesen worden, dass für die Existenz von Bankguthaben über 1,9 Milliarden bei zwei asiatischen Banken keine ausreichenden Nachweise vorlägen. Die beiden kontenführenden Banken hätten mitgeteilt, dass "die betreffenden Kontonummern nicht zugeordnet werden konnten", hieß es. Es gebe Hinweise, dass ein Treuhänder "zu Täuschungszwecken" falsche Bestätigungen vorgelegt habe.

Wirecard stand seit seiner Gründung 1999 immer wieder im Zentrum von Aktienspekulationen. Im vorigen Jahr schrieb die britische "Financial Times" wiederholt über angeblich vorgetäuschte Umsätze und gefälschte Verträge bei Wirecard in Singapur. Wirecard wies die Anschuldigungen stets als verleumderisch zurück.

Wirecard war 1999 gegründet worden und konzentrierte sich schnell auf den Zahlungsverkehr im Internet. Seit September 2018 ist die Firma an der Börse, sie ersetzte damals im Deutschen Aktienindex die Commerzbank. Die Firma bekommt eine Provision dafür, dass sie Geld vom Endkunden an den Anbieter weiterleitet. Dabei übernimmt sie eine Garantie für Zahlungsausfälle.


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