19.06.2020, 12:50 Uhr

Rom (AFP) Coronavirus laut Abwasseruntersuchung schon im Dezember in Italien präsent

Abwassserproben.
Quelle: AFP/Archiv/William WEST (Foto: AFP/Archiv/William WEST)Abwassserproben. Quelle: AFP/Archiv/William WEST (Foto: AFP/Archiv/William WEST)

China kündigt Kontrolle von Tiefkühl-Importen auf Corona an

Das neuartige Coronavirus ist in Italien laut wissenschaftlichen Untersuchungen schon viel länger aktiv als bislang angenommen. Laut dem nationalen italienischen Gesundheitsinstitut ISS fanden Forscher genetische Spuren des Erregers Sars-CoV-2 in im Dezember entnommenen Abwasserproben zweier norditalienischer Großstädte - also im gleichen Monat, in dem die ersten Corona-Infektionen in China gemeldet wurden und zwei Monate vor dem ersten diagnostizierten Corona-Fall in Italien.

Laut einer Erklärung des ISS, die der Nachrichtenagentur AFP am Freitag vorlag, wiesen Forscher Spuren des Coronavirus in Abwasserproben aus Mailand und Turin vom 18. Dezember sowie in Abwasser aus Bologna von Ende Januar nach. Offiziell festgestellt worden war der erste Coronavirus-Fall in Italien erst Mitte Februar.

Für die ISS-Studie wurden 40 Abwasserproben untersucht, die zwischen Oktober 2019 und Februar 2020 genommen wurden. Die Oktober- und November-Proben aus Mailand und Turin waren noch Corona-negativ, die Dezember-Proben jedoch nicht mehr. Die Ergebnisse wurden laut ISS von zwei verschiedenen Laboren mit unterschiedlichen Methoden bestätigt.

Die Analyseergebnisse "helfen, den Beginn der Verbreitung des Virus in Italien zu verstehen", heißt es in dem ISS-Papier. Außerdem bestätigten sie, dass Abwasserproben als Mittel zur Früherkennung eines Virus-Ausbruchs eine strategische Bedeutung zukomme.

Als Ausgangspunkt der Corona-Pandemie gilt bislang die chinesische Millionenmetropole Wuhan. Dort wurde das neuartige Coronavirus im Dezember erstmals bei Menschen festgestellt. Zwei Monate später meldete Italien als erstes europäisches Land Ansteckungsfälle - außer einem Touristenpaar aus China ein Einheimischer in der Stadt Codogno in der Lombardei.

Schnell entwickelte sich Italien - und dort insbesondere der Norden - zum Epizentrum der Pandemie in Europa. Rund 34.500 Infizierte starben in Italien. Mittlerweile hat sich die Lage beruhigt.

Auch in anderen Ländern trat das neuartige Coronavirus offenbar früher auf als durch Tests bei Patienten nachgewiesen. Laut einer spanischen Studie enthielten Abwasserproben aus Barcelona von Mitte Januar bereits Spuren von Sars-CoV-2 - rund 40 Tage, bevor die erste Ansteckung innerhalb Spaniens gemeldet wurde. Eine nachträgliche Untersuchung von Krankenhaus-Patienten in Frankreich hatte zudem ergeben habe, dass das Virus auch dort bereits Ende Dezember präsent war.

Abwasser-Untersuchungen könnten angesichts der vielen Corona-Infektionen, bei denen keine oder nur milde Symptome auftreten, dabei helfen, Infektionsherde aufzuspüren. Das ISS rief das italienische Gesundheitsministerium auf, das Sammeln von Proben aus Abwasserkanälen und Kläranlagen zu koordinieren. Dies sei ein "Mittel, die Verbreitung des Virus in verschiedenen Gebieten in einem frühen Stadium zu entdecken und zu überwachen". Das Institut startet dazu im Juli eine Pilotstudie in mehreren italienischen Urlaubsgebieten und will voraussichtlich bis zum Herbst ein landesweites Abwasser-Überwachungssystem aufbauen.

Die chinesischen Behörden veröffentlichten derweil das Genom des neuen Virenstamms, der in Peking einen erneuten Corona-Ausbruch verursacht hat. Erste Analysen deuteten darauf hin, dass dieser Virenstamm "aus Europa gekommen" sei, erklärte Zhang Yong von der chinesischen Seuchenkontrollbehörde in einem am Freitag veröffentlichten Bericht. Der Virenstamm sei allerdings "älter als das Virus, das derzeit in Europa zirkuliert" und sei möglicherweise von importierten tiefgekühlten Lebensmitteln oder einem Pekinger Lebensmittelmarkt ausgegangen.

Der Gen-Forscher François Balloux vom University College London erklärte hingegen, dem Genom zufolge könne das Virus "im Grunde von überall her stammen".

Die chinesischen Zollbehörden verkündeten, sämtliche aus "Hoch-Risiko-Ländern" importierten Tiefkühl-Lebensmittel wie Meeresfrüchte, Fleisch und Gemüse sollten systematisch auf das Coronavirus untersucht werden. Bis Donnerstag seien bereits 15.638 Proben überprüft worden, ohne dass dabei Spuren des Coronavirus gefunden wurden. Allerdings gebe es bisher auch keinen Hinweis darauf, dass das Virus durch den Verzehr von Lebensmitteln übertragen werden könnte, sagte Song Yueqian von der chinesischen Zollverwaltung.


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