17.06.2020, 17:50 Uhr

Gütersloh (AFP) Kreis Gütersloh schließt nach Corona-Massenausbruch bei Tönnies Schulen und Kitas

657 Infizierte bei Fleischkonzern - Einige Testergebnisse stehen noch aus

Erneuter Corona-Massenausbruch in einem Fleischbetrieb: Beim Tönnies-Fleischkonzern im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück sind 657 Mitarbeiter positiv auf das Virus getestet worden, wie der Kreis Gütersloh am Mittwoch mitteilte. Dabei lagen zunächst erst 983 Ergebnisse der Testreihe des Kreises vor, 326 davon waren negativ. Insgesamt hatten die Behörden 1050 Tests für Beschäftigte des Unternehmens veranlasst. Der Kreis Gütersloh schloss umgehend alle Schulen und Kindertagesstätten bis zu den Sommerferien.

Alle Infizierten und ihre Kontaktpersonen wurden unter Quarantäne gestellt. Kurzfristig sollen nun auch alle noch nicht getesteten und auf dem Betriebsgelände tätigen Menschen in Quarantäne kommen und getestet werden. Zudem ordnete der Kreis Gütersloh die unverzügliche Schließung des Schlachtbetriebs an.

Mit den Maßnahmen solle verhindert werden, dass sich das Virus in der Bevölkerung im Kreis Gütersloh ausbreite, sagte Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU). Einen allgemeinen Lockdown im Kreisgebiet wird es aktuell nicht geben, wie die Kreisverwaltung mitteilte. Dies hätten Adenauer und NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) gemeinsam festgelegt.

Der Tönnies-Konzern entschuldigte sich für den massiven Ausbruch. Das Unternehmen arbeite eng mit dem Krisenstab und den Behörden zusammen, sagte der Leiter der Tönnies-Unternehmenskommunikation, André Vielstädte. Bei den positiv Getesteten handle es sich um Mitarbeiter unterschiedlicher Nationalitäten sowie "direkt oder indirekt" angestellte Beschäftigte, die in unterschiedlichen Wohnsituationen lebten.

Angesichts des erneuten Corona-Ausbruchs kritisierten Politiker von Grünen und SPD erneut die Zustände in der Fleischindustrie. "Die Gesundheit der Beschäftigten wird für die Profite der Fleischbarone aufs Spiel gesetzt", erklärte Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter. "Wo bleiben die großspurig angekündigten gesetzlichen Regelungen für den besseren Schutz der Beschäftigten, bessere Wohnbedingungen, mehr Hygiene und effektivere flächendeckende Kontrollen?"

Die SPD-Fraktionsvize Katja Mast nannte es "schlimm, dass es jetzt schon wieder einen so massiven Ausbruch gibt". "Es geht um hart arbeitende Menschen, oft aus ärmeren Teilen Europas, die häufig in Sammelunterkünften untergebracht sind." Es dürfe nicht sein, "dass lokale Lockerungen durch die Pandemieherde in der Fleischindustrie wieder gefährdet werden".

Derweil stellte das Land Nordrhein-Westfalen laut einem Bericht des "Kölner Stadt-Anzeigers" bei Überprüfungen katastrophale Mängel in den Unterkünften von Mitarbeitern in der Fleischindustrie fest. Das Blatt berief sich auf eine Erhebung des NRW-Arbeitsministeriums. Grundlage sind demnach Überprüfungen von landesweit rund 650 Sammelunterkünften und Werkswohnungen, in denen mehr als 5300 Menschen leben.

Dabei wurden dem Bericht zufolge fast 1900 mittlere und gravierende Beanstandungen festgestellt - zum Beispiel fehlende einfache Hygienemaßnahmen in Kombination mit Überbelegungen, Schimmelpilzbefall, Einsturzgefahr, undichte Dächer, katastrophale Sanitäreinrichtungen, Rattenbefall und Brandschutzmängel.

"Die Unterkünfte in der Fleischindustrie sind zum Teil katastrophal", sagte NRW-Gesundheitsminister Laumann der Zeitung. "Ob fehlender Brandschutz, Einsturzgefahr oder die Missachtung einfachster hygienischer Vorschriften: Hier wird - offenbar aus Gründen der Profitmaximierung - mit der Gesundheit der Beschäftigten gespielt." Dies sei "unverantwortlich".


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