09.06.2020, 10:40 Uhr

Wiesbaden (AFP) Corona-Krise beschert Exportnation Deutschland "Horrorzahlen"

Schiffsverkehr auf dem Rhein bei Düsseldorf Anfang Mai.
Quelle: AFP/Ina FASSBENDER (Foto: AFP/Ina FASSBENDER)Schiffsverkehr auf dem Rhein bei Düsseldorf Anfang Mai. Quelle: AFP/Ina FASSBENDER (Foto: AFP/Ina FASSBENDER)

Ausfuhren brechen im April um mehr als 30 Prozent ein

Die Corona-Krise hat den deutschen Außenhandel im April mit voller Wucht getroffen. Die Exporte gingen nach offiziellen Zahlen mit einem Minus von mehr als 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat so stark zurück wie noch nie seit Beginn der Außenhandelsstatistik im Jahr 1950. Der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) warnte, der Stopp von großen Teilen des Welthandels infolge der Pandemie habe "dramatische Folgen für die Wirtschaftsentwicklung in Deutschland in diesem Jahr".

Wie das Statistische Bundesamt am Dienstag in Wiesbaden mitteilte, wurden im April von Deutschland Waren im Wert von 75,7 Milliarden Euro exportiert und Waren im Wert von 72,2 Milliarden Euro importiert. Bei den Ausfuhren bedeutet dies ein Minus von fast einem Drittel (31,1 Prozent) gegenüber April 2019.

Auf der Importseite gingen die deutschen Einfuhren so stark zurück wie zuletzt in der Finanzkrise im Juli 2009. Die Importe sanken den vorläufigen Ergebnissen der Statistiker zufolge um 21,6 Prozent. Im Juli 2009 hatte das Minus hier 23,6 Prozent betragen.

Dadurch dass die Exporte deutlicher als die Importe zurückgingen, sank der Überschuss der Bundesrepublik in der Außenhandelsbilanz auf 3,5 Milliarden Euro. Laut Bundesamt ist dies der niedrigste Exportüberschuss seit Dezember 2000. Für seine Exportüberschuss war Deutschland in den vergangenen Jahren international immer wieder kritisiert worden.

Durch die Corona-Krise massiv beeinträchtigt wurde im April vor allem der Außenhandel innerhalb der Europäischen Union. Die Exporte von Deutschland in andere EU-Staaten sanken im April um 34,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat; die Importe gingen um 30,1 Prozent zurück. Bei den Ausfuhren in Drittstaaten außerhalb der Europäischen Union betrug der Rückgang 27,0 Prozent bei den Exporten und 11,4 Prozent bei den Importen.

Je nach Handelspartner gab es dabei teils erhebliche Unterschiede: Während Exporte nach China im April nach Angaben der Statistiker "vergleichsweise moderat" um 12,6 Prozent auf 7,2 Milliarden Euro zurückgingen, nahmen die Exporte in die von der Pandemie besonders betroffenen Staaten Frankreich (minus 48,3 Prozent), Italien (minus 40,1 Prozent) und in die USA (minus 35,8 Prozent) stark ab.

Der Außenhandelsverband BGA bezeichnete die Aprilwerte als "Horrorzahlen", die erstmals in vollem Ausmaß die verheerende Wirkung der Pandemie zeigten. "Grenzschließungen, Störungen in der Logistik und Unterbrechungen in den Lieferketten haben tiefe Spuren hinterlassen", erklärte BGA-Vizepräsidentin Ines Kitzing. "Die COVID-19-Pandemie führt uns erneut vor Augen, dass es uns hierzulande nur gut geht, wenn es auch unseren Partnern weltweit gut geht."

DIHK-Außenwirtschaftschef Volker Treier erklärte, der Exporteinbruch im April sei "an Dramatik kaum zu überbieten". Er verwies darauf, dass in Deutschland jeder vierte Arbeitsplatz vom Export abhänge - "in der Industrie sogar jeder zweite".

Wichtig sei nun, "dass die vielen Handelshemmnisse, die zur Bekämpfung des Virus eingeführt wurden, auch wieder abgebaut werden", forderte er. "Ansonsten droht nach der Corona-Krise die Protektionismus-Krise."

Wirtschaftsforscher Stefan Kooths vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel kommentierte, das Exportgeschäft sei in der Krise "die eigentliche Achillesferse der deutschen Konjunktur". Die Wirtschaftspolitik könne hierzulande nachfrageseitig wenig tun, um dem entgegenzuwirken. Umso mehr komme es darauf an, "die Unternehmen zu stabilisieren, um sie ohne eine größere Insolvenzwelle über die kommenden Quartale zu bringen", forderte der IfW-Konjunkturchef.

Linken-Fraktionsvize Fabio De Masi forderte indes eine "dauerhafte Stärkung der Binnennachfrage" unter anderem durch eine Erhöhung der öffentlichen Investitionen. Der Einbruch um mehr als 30 Prozent zeige, "wie gefährlich Deutschlands chronische Exportüberschüsse sind".


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