28.05.2020, 11:56 Uhr

Berlin (AFP) Lehrerpräsident warnt vor schneller Rückkehr zum vollen Präsenzunterricht

Unterricht in Dortmunder Schule.
Quelle: AFP/Archiv/Ina FASSBENDER (Foto: AFP/Archiv/Ina FASSBENDER)Unterricht in Dortmunder Schule. Quelle: AFP/Archiv/Ina FASSBENDER (Foto: AFP/Archiv/Ina FASSBENDER)

Kinderhilfswerk befürchtet "verlorene Generation" durch lange Schließungen

Die Frage der vollständigen Wiederöffnung von Schulen sorgt weiter für Kontroversen. Der Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, Heinz-Peter Meidinger, lehnte eine schnelle Rückkehr zum Präsenzunterricht für alle Schüler ab. Schleswig-Holsteins Bildungsminister Karin Prien (CDU) verteidigte am Donnerstag dagegen die in ihrem Land geplante baldige Normalisierung des Schul- und Kitabetriebs. Das Deutsche Kinderhilfswerk sieht die Gefahr einer "verlorenen Generation" durch anhaltende Kita- und Schulschließungen.

Meidinger sagte der "Passauer Neuen Presse": "Die Ankündigung in Thüringen und Sachsen, an den Schulen bald auf Abstandsregeln zu verzichten und wieder alle Schüler in den Präsenzunterricht zu holen, kommt mir zu schnell und zu unvorbereitet." Ein solches Vorgehen setze "ein völlig neues Hygiene- und Gesundheitsschutzkonzept voraus, das man nicht so einfach aus dem Hut zaubern kann".

So würden etwa Atemschutzmasken im Unterricht, umfassende Testungen, kleine Lerngruppen während des gesamten Schultags und regelmäßige Lüftungen notwendig, sagte Meidinger. Gleichzeitig bleibe ein schlechtes Gefühl, "ob wir mit einer kompletten Schulöffnung nicht doch in ein riskantes Experiment mit der Gesundheit unserer Kinder und Lehrer gehen, dessen Ausgang niemand kennt".

Die Zeit ganz ohne Präsenzunterricht führte laut Meidinger zu einem "extrem unterschiedlichem Leistungsstand". Es gebe Kinder, die sich zu Hause sehr reingehängt hätten - bei anderen sei gar nichts passiert. Der Lehrerverbandspräsident forderte einen "Masterplan, wie die entstandenen Lücken vor allem bei der Gruppe der abgehängten Schüler geschlossen werden können".

Prien sagte im NDR, die Bildungseinrichtungen in Schleswig-Holstein befänden sich bereits in der vorletzten Stufe eines vierphasigen Öffnungsplans, ohne dass es bisher einen Erkrankungsfall gebe. In den Grundschulen soll ab 8. Juni der Regelunterricht starten. Alle Kitas im Land sollen ab 22. Juni in den Normalbetrieb zurückkehren. In den weiterführenden Schulen sollen ab 22. Juni - der letzten Woche vor den Sommerferien - alle Schüler zusammenkommen.

Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD) geht davon aus, dass in seinem Bundesland ein regulärer Schulbetrieb erst im nächsten Schuljahr möglich sein werde. "Bis zu den Sommerferien wird es keinen normalen Regelbetrieb an den Schulen geben können", sagte er dem RBB-Inforadio. Man werde aber alles dafür tun, dass alle Kinder mit dem neuen Schuljahr ab Anfang August wieder regelmäßig in die Schule gehen können.

Das Deutsche Kinderhilfswerk befürchtet schwerwiegende Folgen durch die langen Kita- und Schulschließungen. "Wir bekommen es hier, wenn wir nicht schnell den Weg der vollständigen Öffnung von Schulen und Kitas gehen, womöglich mit einer verlorenen Generation zu tun", sagte Verbandspräsident Thomas Krüger der "Welt" vom Donnerstag.

Bildungsforscher wiesen darauf hin, dass Kinder mit besonderem Förderbedarf "schon jetzt überproportional abgehängt werden", sowohl in Bezug auf die schulischen Leistungen als auch beim sozialen Miteinander, sagte Krüger. "Das ist gravierend, denn das holt man nach Corona gar nicht mehr auf."

Die Linke drang auf einen Kita- und Schulgipfel im Kanzleramt noch vor der Sommerpause. Bundestags-Fraktionschef Dietmar Bartsch sagte der "Neuen Osnabrücker Zeitung": "Ein wesentliches politisches Ziel der kommenden Wochen sollte es sein, dass mit dem Ende der Sommerferien bundesweit Schulen und Kitas ihren Regelbetrieb wieder aufnehmen können." Eltern und Kinder brauchten eine klare Perspektive und größtmögliche Planungssicherheit.


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