15.04.2020, 13:49 Uhr

Hannover (AFP) Weil bittet zum Jahrestag der Befreiung von Bergen-Belsen um Moment der Trauer

Gedenkinschrift im früheren Lager Bergen-Belsen.
Quelle: AFP/Archiv/Ronny Hartmann (Foto: AFP/Archiv/Ronny Hartmann)Gedenkinschrift im früheren Lager Bergen-Belsen. Quelle: AFP/Archiv/Ronny Hartmann (Foto: AFP/Archiv/Ronny Hartmann)

Niedersachsens Regierungschef: Trotz aller Corona-Sorgen "kurz innehalten"

Zum 75. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Bergen-Belsen hat der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) die Bürger am Mittwoch zu einem Moment der Trauer aufgerufen. Alle Niedersachsen sollten trotz "all unserer aktuellen Sorgen" wegen der Corona-Krise "heute kurz innehalten" und an den 15. April 1945 als "Tag der Trauer und der Befreiung" denken, erklärte Weil in Hannover. Gedenkfeiern fallen wegen des Infektionsrisikos aus.

Am 15. April 1945 hatten vorrückende britische Truppen zwischen Celle und Soltau in Niedersachsen das NS-Konzentrationslager Bergen-Belsen erreicht. Dort starben mehr als 50.000 Menschen, viele weitere wurden von dort zur Ermordung in Vernichtungslager weiter verschleppt. Die Nationalsozialisten hielten dort Juden ebenso gefangen wie Kriegsgefangene, Homosexuelle und politische Gegner.

Wegen der Corona-Pandemie wird es keine Gedenkveranstaltung zur Befreiung des Lagers geben. Die für kommenden Sonntag geplanten Feierlichkeiten wurden wegen der Gefahr von Infektionen abgesagt und um rund ein Jahr auf den 18. April 2021 verschoben. Die Gedenkstätte des ehemaligen KZ ist derzeit komplett geschlossen.

Die Mitarbeiter der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, zu der auch Bergen-Belsen gehört, wollten zum Jahrestag allerdings Blumen auf dem Gelände niederlegen und dieses unter anderem als Video dokumentieren. Wie die Stiftung mitteilte, organisierte sie zudem weitere Onlineangebote. Unter anderem sollten auch einige der geplante Reden nun als Videobotschaft veröffentlicht werden.

"Bergen-Belsen ist für uns in Niedersachsen derjenige Ort, der uns die Grausamkeiten und die Unbarmherzigkeit des dunkelsten Teils unserer Geschichte vor Augen führt", erklärte Weil. Der Jahrestag der Befreiung unterstreiche, wie wichtig Frieden und Wahrung der Menschenrechte seien. "Insbesondere wir Deutschen" müssten "alles dafür tun", dass sich Derartiges nie wiederhole.

Nach Angaben von Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung der niedersächsischen Gedenkstätten, ist die Absage der zentralen Gedenkveranstaltung für die Überlebenden des Lagers eine "sehr, sehr große Enttäuschung". Ihnen bedeuteten runde Jahrestage sehr viel, sagte er am Mittwoch im Bayerischen Rundfunk. Außerdem lebten sie heute über die ganze Welt verstreut von Israel bis Australien und hätten sonst keine Möglichkeit, sich zu sehen.

Bergen-Belsen gehört zu den ersten von den westlichen Alliierten befreiten Konzentrationslagern. Bei Ankunft britischer Truppen wüteten unter den ausgezehrten Insassen Seuchen, täglich starben hunderte Menschen an Hunger und Krankheiten. Die Befreier stießen dort unter anderem auf etwa zehntausend unbestattete Tote. Trotz der Anstrengungen britischer Soldaten und von Hilfsorganisation starben nach der Befreiung noch 14.000 Menschen an den Folgen.

Die apokalyptischen Bilder aus dem Lager, die Fotografen und Kameraleute der britischen Streitkräfte anfertigten, gingen um die Welt und machten Bergen-Belsen zu einem frühen Symbol der NS-Vernichtungspolitik. Die wesentlich größeren Vernichtungslager in dem von Deutschland besetzten Osteuropa, darunter vor allem Auschwitz-Birkenau, rückten erst später ins Bewusstsein. Bekannt ist Bergen-Belsen auch als Todesort von Anne Frank, die dort im Alter von nur 15 Jahren in den Wochen vor der Befreiung starb.


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