07.04.2020, 11:57 Uhr

Brisbane (AFP) Australischer Kardinal Pell von Missbrauchsvorwürfen freigesprochen

Der australische Kardinal George Pell.
Quelle: AFP/Archiv/William WEST (Foto: AFP/Archiv/William WEST)Der australische Kardinal George Pell. Quelle: AFP/Archiv/William WEST (Foto: AFP/Archiv/William WEST)

Oberstes Gericht hebt Verurteilung von Ex-Finanzchef des Vatikans auf

Der australische Kardinal George Pell ist in einem Berufungsverfahren vom Vorwurf des Kindesmissbrauchs freigesprochen worden. Das Oberste Gericht Australiens hob am Dienstag das Urteil gegen den früheren Finanzchefs des Vatikans in allen Punken auf. Wenige Stunden nach dem Richterspruch wurde der 78-Jährige aus dem Gefängnis entlassen. Der Vatikan begrüßte den Freispruch. Papst Franziskus rief zu Gebeten für unschuldig Verurteilte auf. Opfervertreter übten hingegen scharfe Kritik an dem Urteil.

Pell war seit März vergangenen Jahres in Haft gewesen. Er war der ranghöchste katholische Geistliche weltweit, der im Zuge der Missbrauchsskandale in der katholischen Kirche verurteilt worden war. Seine Haftstrafe lag bei sechs Jahren.

Das Oberste Gericht Australiens gelangte nun aber zu dem Schluss, dass es keine hinreichenden Belege für die gegen den Kardinal vorgebrachten Anschuldigungen gebe. Es bestehe die "bedeutsame Möglichkeit", dass Pell als "unschuldige Person" verurteilt worden sei, hieß es in der einstimmigen Entscheidung der sieben Richter.

Pell war im Dezember 2018 von einem Geschworenengericht schuldig befunden worden, sich Mitte der 90er Jahre in der Kathedrale von Melbourne an zwei 13-jährigen Chorknaben vergangen zu haben. Noch im vergangenen August hatte ein Berufungsgericht im Bundesstaat Victoria das Urteil bestätigt. Pell beteuerte jedoch stets seine Unschuld.

Nach seiner Freilassung aus dem Gefängnis wurde er Fernsehaufnahmen zufolge zu einem Karmeliterkloster am Stadtrand von Melbourne gebracht. Durch seinen Freispruch sei ein "bedeutendes Unrecht" bereinigt worden, erklärte Pell nach seiner Freilassung. Er hege jedoch keinen Groll gegen den Mann, der ihn des Missbrauchs beschuldigt hatte.

Die Verurteilung des Kardinals hatte überwiegend auf der Aussage eines der beiden mutmaßlichen Missbrauchsopfer beruht. Das zweite angebliche Opfer war 2014 an einer Überdosis Drogen gestorben und hatte sich nie öffentlich zu den Vorwürfen geäußert.

Kurz nach dem Schuldspruch im Dezember 2018 war Pell aus dem Kardinalsrat, dem Beratergremium des Papstes, entlassen worden. Später wurde er auch als Finanzchef des Vatikans abgesetzt.

Die juristischen Probleme des Kardinals sind nach dem Freispruch aber wohl nicht vorbei. Auf ihn kommen voraussichtlich noch mehrere Zivilklagen zu. Der Vater des mutmaßlichen Missbrauchsopfers, das 2014 verstarb, fasst eine Klage auf Entschädigungszahlungen ins Auge. Der Vater sei "empört" über den Freispruch und befinde sich in einem Zustand der "völligen Fassungslosigkeit", sagte dessen Anwältin Lisa Flynn.

Auch die Opfervereinigung Blue Knot Foundation übte scharfe Kritik an dem Freispruch. Für Missbrauchsopfer sei die Gerichtsentscheidung niederschmetternd, erklärte die Stiftungspräsidentin Cathy Kezelman. Pell habe nun seine Freiheit wieder, "aber viele Missbrauchsopfer waren niemals frei", weil sie für immer durch die Verbrechen "gefangen" seien.

Pell erklärte, er wolle nicht, dass sein Freispruch den "Schmerz" und die "Bitterkeit" vieler Menschen verstärke. "Es gibt zweifellos schon genug Schmerz und Bitterkeit." Sein Prozess sei zudem "kein Referendum über die katholische Kirche" und auch "kein Referendum über den Umgang der australischen Kirche mit sexuellem Missbrauch in der Kirche" gewesen. Es sei nur darum gegangen, ob er diese "abscheulichen Verbrechen" begangen habe oder nicht.

Der Vatikan begrüßte die "einstimmige Entscheidung des Obersten Gerichts" in Australien. Er bekräftigte aber zugleich seine Verpflichtung, den Missbrauch von Minderjährigen "zu verhindern und zu verfolgen".

Papst Franziskus rief am Dienstag im Onlinedienst Twitter dazu auf, für alle Menschen zu beten, "die unter einem aus Verbissenheit gefällten ungerechten Urteil leiden". "In diesen Tagen der Fastenzeit haben wir gesehen, welche Verfolgung Jesus erdulden musste, wie er aus blinder Wut verurteilt wurde, obwohl er unschuldig war", schrieb der Papst in seinem Tweet. Seinen früheren Vertrauten Pell erwähnte er darin aber nicht.


0 Kommentare