30.03.2020, 12:10 Uhr

Wiesbaden (AFP) Wirtschaftsweise fürchten Einbruch der Wirtschaft um bis zu 5,4 Prozent

"Gesundheitspolitische Maßnahmen" stehen zunächst im Vordergrund

Die deutsche Volkswirtschaft wird wegen der Corona-Pandemie deutlich schrumpfen. Eine Rezession im ersten Halbjahr werde "nicht zu vermeiden" sein, erklärten die sogenannten Wirtschaftsweisen in einem am Montag veröffentlichten Sondergutachten. Sie rechnen mit einem Einbruch des Bruttoinlandsprodukts (BIP) um 2,8 bis 5,4 Prozent, je nach Dauer und Ausmaß der Corona-bedingten Einschränkungen.

Konkret stellte der Sachverständigenrat in seinem Sondergutachten für die Jahre 2020 und 2021 drei Szenarien auf. Im "nach aktuellen Informationen wahrscheinlichsten Szenario" normalisiert sich die wirtschaftliche Lage über den Sommer wieder. 2020 schrumpfe das BIP dann im Jahresdurchschnitt um 2,8 Prozent; 2021 könnte die Wirtschaft wieder um 3,7 Prozent zulegen.

Im "Risikoszenario" gehen die Wirtschaftsweisen von "großflächigen Produktionsstilllegungen oder länger andauernden gesundheitspolitischen Maßnahmen" aus. Das BIP würde in der Folge sogar um 5,4 Prozent schrumpfen - im Jahr 2021 dann aber auch steil um 4,9 Prozent wieder ansteigen.

Ein drittes Szenario entwirft der Sachverständigenrat für den Fall, dass die Maßnahmen über den Sommer hinaus andauern und "die wirtschaftliche Erholung sich erst im Jahr 2021 einstellt". Tiefgreifende Beeinträchtigungen der Wirtschaftsstruktur durch verschlechterte Finanzierungsbedingungen und eine "verfestigte Unsicherheit" seien dann womöglich nicht zu verhindern, heißt es im Gutachten.

Zunächst stünden nun "gesundheitspolitische Maßnahmen" im Vordergrund, sagte der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Lars Feld, bei der Vorstellung des Gutachtens. Die Zeit der wirtschaftlichen Einschränkungen müsse genutzt werden, um Kapazitäten im Gesundheitssystem zu erweitern und flächendeckend Tests bereitzustellen, um für das Basisszenario möglichst vorbereitet zu sein. Von der Politik forderten die Wirtschaftsweisen außerdem, Erkrankte gut zu versorgen und die Ausbreitung des Virus effektiv zu begrenzen.

Zur Stabilisierung auf den Finanzmärkten trage eine "klare Kommunikation" bei. Dazu gehört aus Sicht der Wirtschaftswissenschaftler ein abgestimmtes Signal der Euro-Staaten, bei Bedarf zusätzliches Geld über bereits bestehende Instrumente wie den Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) zur Verfügung zu stellen.

Mit Blick auf die bestmögliche Erhaltung unternehmerischer Kapazitäten in der Krise und die Erholung nach dem konjunkturellen Einbruch lobten die Wirtschaftsweisen das vergangene Woche in Kraft getretene Hilfspaket der Bundesregierung für Unternehmen und Beschäftigte. Kurzarbeitergeld, Steuerstundungen und Liquiditätshilfen seien "genau richtig", sagte Feld, ebenso wie notfalls die Diskussion über Staatsbeteiligungen an Unternehmen.

Gleichzeitig betonte Feld die Bedeutung spezieller Zuschüsse für kleinere Unternehmen, die sich am Kreditprogramm von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) und Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) "übernehmen" könnten. Er verwies dabei unter anderem auf kleinere Einzelhändler und das Gastgewerbe. Diese Branchen treffe die Kontaktsperre besonders stark.

Feld hatte die verschiedenen Szenarien seines Gremiums bereits vergangene Woche in einer Pressekonferenz mit Altmaier vorgestellt, aber noch keine konkreten Zahlen genannt. Altmaier kündigte an, Ende April eine Frühjahrsprojektion der Bundesregierung zur weiteren wirtschaftlichen Entwicklung "auf Basis der bis dahin verfügbaren Informationen" vorzustellen.

Der stellvertretende Vorsitzende der Linksfraktion, Fabio De Masi, forderte "ein langfristiges öffentliches Investitionsprogramm von mindestens 45 Milliarden Euro jährlich nach dem Corona-Schock" sowie ein spezielles Bond-Programm der Europäischen Zentralbank (EZB), um einer neuen Euro-Krise vorzubeugen. FDP-Fraktionsvize Michael Theurer forderte dagegen, Staatseingriffe in die Wirtschaft "keinesfalls" länger als nötig zu verlängern sowie "sämtliche bürokratischen Regulierungen" und Steuern zu prüfen, "wenn die Wirtschaft hoffentlich im zweiten Halbjahr wieder normal läuft".


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