16.03.2020, 11:51 Uhr

Berlin (AFP) CO2-Emissionen 2019 deutlicher als erwartet zurückgegangen

Kohlekraftwerk Datteln 4.
Quelle: AFP/Archiv/Ina FASSBENDER (Foto: AFP/Archiv/Ina FASSBENDER)Kohlekraftwerk Datteln 4. Quelle: AFP/Archiv/Ina FASSBENDER (Foto: AFP/Archiv/Ina FASSBENDER)

Probleme aber bei Ökostrom-Ausbau und Verkehr

Die Treibhausgasemissionen in Deutschland sind im vergangenen Jahr deutlicher als erwartet zurückgegangen. Wie Bundesumweltministerin Svenja Schulze (SPD) am Montag in Berlin gestützt auf vorläufige Daten des Umweltbundesamts (UBA) mitteilte, lag der CO2-Ausstoß 2019 um 54 Millionen Tonnen oder 6,3 Prozent unter dem Wert von 2018. Massive Probleme sieht Schulze wegen des derzeit stockenden Ausbaus des Ökostroms sowie im Verkehrssektor.

Durch den starken Rückgang im Vorjahr rückt sogar das von der Bundesregierung zwischenzeitlich schon aufgegebene Ziel wieder in Reichweite, die Emissionen bis Ende 2020 um 40 Prozent verglichen mit dem Stand von 1990 zu verringern. 2019 betrug diese Minderung laut Schulze bereits 35,7 Prozent. "Die 40 Prozent sind im Grunde erreichbar", sagte der UBA-Experte Michael Strogies. "Das ist eine Entwicklung, die Mut macht", sagte Schulze.

Einen Grund für den Rückgang sehen die Ministerin sowie UBA-Präsident Dirk Messner in der zunehmenden Wirkung des EU-Emissionshandels. Dadurch sowie durch die Abschaltung von acht Braunkohle-Kraftwerkeblöcken seit 2016 sei die Kohleverstromung zurückgegangen. Dazu komme der bis 2018 noch starke Ausbau der Wind- und Solarenergie in Deutschland. Der Emissionsrückgang 2019 war laut Schulze der stärkste seit dem Finanzkrisenjahr 2009.

Die Zahlen zeigten aber auch, "dass wir uns darauf nicht ausruhen dürfen", mahnte Schulze. Besorgt äußerte sie sich über den Einbruch der Ausbauzahlen beim Ökostrom, über den die große Koalition sowie Bund und Länder seit Monaten ergebnislos streiten. Deutschland werde beim Klimaschutz "2020 ins Trudeln geraten, wenn wir die erneuerbaren Energien nicht weiter ausbauen", warnte auch Messner vor einem drohenden Stillstand.

Schulze kritisierte erneut die Unionsforderung nach pauschalen Mindestabstandsregeln für neue oder nachgerüstete Windräder, was nach Einschätzung von Experten das Erreichen des 65-Prozent-Ziels für Ökostrom bis 2030 gefährdet. Bei der Solarenergie sprach sie wegen der Weigerung von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU), den geltenden Förderdeckel aufzuheben, von einer "politischen Blockade". "Wir brauchen dringend mehr Erneuerbare Energie", verlangte auch Grünen-Fraktionschef Anton Hofreiter in der "Augsburger Allgemeinen".

Großen Handlungsbedarf sieht Schulze zudem bei Verkehr und Gebäuden. Die Emissionen im Verkehr nahmen den neuen Daten zufolge trotz effizienterer Motoren 2019 um eine Million Tonnen CO2 zu, vor allem durch mehr und schwerere Fahrzeuge. Messner drängte deswegen auf eine Quote von 30 Prozent für Elektroautos für 2025 und die umgehende Einführung eines Tempolimits von 120 Stundenkilometern auf Autobahnen, was allein 2,6 Millionen Tonnen CO2 jährlich einsparen würde.

Im Gebäudebereich gab es im Jahresvergleich sogar einen Emissionszuwachs um fünf Millionen Tonnen CO2 oder 4,4 Prozent. Messner führte dies auf im Vergleich zu 2018 etwas kältere Temperaturen sowie auf Nachholeffekte bei Heizölbestellungen nach Lieferschwierigkeiten im Vorjahr zurück. Um künftig Emissionen im erforderlichen Maße zu senken, müsse das Sanierungstempo bei Bestandsgebäuden verdoppelt werden.

Der Umweltverband BUND mahnte in Berlin, die 2019 gesunkenen Emissionen dürften "nicht zu weniger Anstrengungen beim Klimaschutz führen", vor allem nicht bei Verkehr und Gebäuden. Greenpeace forderte die Bundesregierung auf, sie müsse vielmehr "nun eine Schippe drauflegen", um das Erreichen der Ziele für 2030 sicherzustellen.


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