20.02.2020, 19:08 Uhr

Hanau (AFP) Entsetzen nach mutmaßlich rassistischem Anschlag in Hanau

Bundesanwaltschaft übernimmt Ermittlungen - Mahnwachen in dutzenden Städten

Aus offenbar rassistischen Motiven hat ein 43-jähriger Deutscher in Hanau neun Menschen mit ausländischen Wurzeln erschossen. Er wurde zusammen mit seiner Mutter nach dem Anschlag am Mittwochabend tot in seiner Wohnung aufgefunden. Generalbundesanwalt Peter Frank sprach von einer "zutiefst rassistischen Gesinnung" des Mannes. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verurteilte das "Gift" des Rassismus. An zahlreichen Orten Deutschlands kamen am Donnerstagabend Menschen zu Mahnwachen zusammen, allein in Hanau waren es laut Polizei rund 5000.

Der mutmaßliche Täter Tobias R. soll in einer Shisha-Bar und einem Kiosk mit angegliedertem Café in Hanau neun Menschen erschossen haben. Laut Generalbundesanwalt Frank hatten alle Opfer einen Migrationshintergrund. Sie waren nach Angaben der Karlsruher Behörde zwischen 21 und 44 Jahren alt, unter ihnen waren demnach sowohl ausländische als auch deutsche Staatsangehörige. Fünf der Getöteten waren nach Angaben der amtlichen türkischen Nachrichtenagentur Anadolu Staatsbürger der Türkei.

Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen nach eigenen Angaben aufgrund von "gravierenden Indizien für einen rassistischen Hintergrund der Tat". Der Tatverdächtige habe auf seiner Internetseite "Videobotschaften und eine Art Manifest" eingestellt, die neben "wirren Gedanken und abstrusen Verschwörungstheorien eine zutiefst rassistische Gesinnung" aufwiesen, sagte Frank.

Der Anschlag löste in Deutschland und auch international Entsetzen aus. Bundeskanzlerin Merkel zeigte sich erschüttert. Derzeit deute "vieles darauf hin, dass der Täter aus rechtsextremistischen, rassistischen Motiven gehandelt hat", sagte die Kanzlerin. "Rassismus ist ein Gift, der Hass ist ein Gift. Und dieses Gift existiert in unserer Gesellschaft und es ist Schuld an schon viel zu vielen Verbrechen", mahnte Merkel.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier reiste nach Hanau und hielt am Abend eine kurze Gedenkansprache vor tausenden Bürgern bei der Mahnwache. Er rief zu gesellschaftlichem Zusammenhalt und Zivilcourage auf: "Wir stehen als Gesellschaft zusammen, wir lassen uns nicht einschüchtern, wir laufen nicht auseinander."

Nach Steinmeiers Angaben gab es Mahnwachen in rund 50 deutschen Städten. Am Brandenburger Tor in Berlin kamen mehrere hundert Menschen zum stillen Gedenken an die Opfer zusammen, unter ihnen mehrere Spitzenpolitiker.

Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) will als Reaktion auf den Anschlag die Sicherheitsvorkehrungen in Deutschland verstärken. Er werde mit den Innenministern der Länder darüber beraten, "wie wir in den nächsten Tagen die Sicherheitslage noch besser gewährleisten können", sagte Seehofer in Hanau. Dies sei auch "vor dem Hintergrund vieler öffentlicher Veranstaltungen in den nächsten Tagen" erforderlich.

Im Bereich des Rechtsextremismus habe es zuletzt "eine Menge von sehr Besorgnis erregenden Entwicklungen" gegeben, sagte der Bundesinnenminister. Es sei nun "die große und zentrale Aufgabe", den Gegnern der freiheitlichen Grundordnung "die Stirn zu bieten".

Die Ermittlungen liefen derweil auf Hochtouren. Es soll nach Angaben des Generalbundesanwalts ermittelt werden, ob der mutmaßliche Täter Mitwisser oder Unterstützer hatte. Gegen Tobias R. lagen laut Bundesanwaltschaft "keine Erkenntnisse zu etwaigen Vorstrafen oder Ermittlungsverfahren mit politischem Bezug" vor.

Eine Spezialeinsatzkommando der Polizei hatte den 43-Jährigen sowie seine 72 Jahre alte Mutter in der Nacht zum Donnerstag tot in der Wohnung aufgefunden. Sein Vater war laut Bundesanwaltschaft unverletzt.


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